Ernst-Wilhelm Händler

STATT GERMANISTIK


Ich sage, die Regeln, nach denen gespielt wird, und die Strategie, nach der sinnvollerweise vorzugehen ist, sind einfach und im Abschnitt DIE GRUNDREGELN IM TODESVERSTECKSPIEL-TURM formuliert. Etwas irreführend werden allerdings sowohl Regeln wie Strategie als Regeln bezeichnet. Das Ziel des Spielers ist, allein zu überleben. Das Spiel besteht darin, sich auf eine bestimmte Weise im Tum zu verstecken. Es überlebt derjenige, der selbst von niemandem gesehen wird, der jedoch alle anderen sehen kann. Folgende Regeln sind einzuhalten. Erstens: Einer, der sich versteckt, darf nur hinunterschauen, er darf niemals hinaufschauen. Zweitens: Nur wer den Tod eines anderen sieht, kann selber sterben. Drittens: Es stirbt nur, wer von einem anderen gesehen wird. Viertens: Wer den Tod eines anderen sieht und wer von einem anderen gesehen wird, der stirbt. Die Strategie des Spiels besteht darin, sich möglichst an einem Ort zu verstecken, der so gelegen ist, daß er sich über den Verstecken von allen anderen befindet. – Einer, der sich so versteckt, daß er auf keinen anderen hinunterschauen kann, darf nach den im Turm geltenden Regeln nicht sterben, weil er nicht an seinen eigenen Tod glaubt. Damit überhaupt jemand sterben kann – einer, der auf einen anderen hinunterschauen kann, ihn aber nicht tatsächlich sterben sieht, kann ebenfalls nicht sterben, usw.–, erfährt einer, der sich so versteckt, daß er auf keinen anderen hinunterschauen kann, vom Regisseur, was er wissen muß, nämlich, daß er in diesem Versteck der erste Tote sein wird, und zwar der einzige im Turm, der den Tod nicht sehen muß, um an ihn zu glauben.
Maria fragt Murau, haben Sie Das falsche Buch gelesen?
Murau antwortet, er lese keine Gegenwartsdichter.
Maria sagt, er soll für seinen Fall eine Ausnahme machen, und wendet sich mir zu, die Regel lautet nicht, einer, der sich versteckt, darf nur hinunterschauen, er darf niemals hinaufschauen. Die Regel lautet, im Todesversteckspielturm kann einer, der sich über einem anderen versteckt, nur hinunterschauen, niemals hinauf. Das bedeutet, einer, der sich so versteckt, daß sich keiner unter ihm versteckt, darf hinaufschauen.
Ich entgegne, wenn einer, der sich so versteckt, daß sich keiner unter ihm versteckt, hinaufschauen darf, ändert das nichts am Ausgang.
Maria sagt, jeder muß von einem, der sich unter ihm versteckt, bestätigt bekommen, er selber befindet sich in einem Versteck, in dem er sich endgültig versteckte. Wenn der Unterste hinaufschauen darf, dann kann auch der Unterste den Tod eines anderen sehen. Der Regisseur ist deshalb nicht notwendig. Der Regisseur ist nur dann notwendig, wenn der Unterste aus irgendeinem Grund keinen Tod sieht, wenn der weitere Spielverlauf jedoch erfordert, daß er einen Tod sieht. Verstecken sich alle der Reihe nach so, daß sich niemals einer über einem anderen versteckt, dann dürfen alle sowohl hinunter- wie auch hinaufschauen. Dann gibt es niemanden, der alle anderen sehen kann, der jedoch selbst von keinem gesehen wird, dann überlebt niemand.
Ich bemerke, der Spieler kann sein Ziel auch verfehlen.
Maria sagt, es ist keine Rede davon, daß irgend jemand tatsächlich stirbt.
Ich weise darauf hin, daß eine Metapher gebraucht wird: sich endgültig verstecken.
Maria sagt, wenn sich endgültig verstecken sterben bedeutet, dann ist die Regel falsch, nach der stirbt, wer den Tod eines anderen sieht und wer von einem anderen gesehen wird.
Ich sage, wenn die Regel falsch ist, ist sie richtig.
»Die Regel widerspricht den anderen Regeln. Wenn einer, der sich versteckt, nur hinunter- und niemals hinaufschauen darf, dann kann er nicht einem anderen, der sich über ihm versteckt, bestätigen, daß dieser sich in einem Versteck befindet, in dem er sich endgültig versteckte, dann kann er also nicht sehen, wie dieser starb.«
»Daß jeder von einem, der sich unter ihm versteckt, bestätigt bekommen muß, er selber befindet sich in einem Versteck, in dem er sich endgültig versteckte, also starb, ist eine Erläuterung der Regel, nach der nur sterben kann, wer den Tod eines anderen sieht – von oben oder von unten –, weil er sonst nicht an seinen eigenen Tod glaubt.«
»Wenn Regeln andere Regeln erläutern, dann die zweite und die dritte die vierte. Die zweite und die dritte folgen aus der vierten.«
»Die zweite und die dritte Regel sind notwendige Bedingungen, die vierte ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung, so daß die Regeln zwei bis vier zu einer notwendigen und hinreichenden Bedingung vereinigt werden könnten. Dann würde jedoch untergehen, daß daß die zweite und die dritte Regel ausgesprochen und befolgt werden, die vierte Regel dagegen unausgesprochen befolgt wird.«
»Es wird nicht ausgesprochen, daß nur stirbt, wer von einem anderen gesehen wird.«
»Es wird ausgesprochen, unser Versteck ist hierarchisch, der Tod ist hierarchisch. Es überlebt, wer selbst von niemandem gesehen wird, wer aber mindestens einen anderen sehen kann, usw., so daß es keinen außer dem ersten gibt, der nicht von irgend jemand anderem gesehen werden kann.«
»Es heißt, ein derart bestätigter Tod kann den Tod eines Versteckten bestätigen, der sich über ihm versteckt. Kann.«
»Das Ziel der Spieler bleibt ebenfalls unausgesprochen.«
Murau richtet an Maria und mich die Frage, ob wir das Spiel vorbereiteten oder ob wir es bereits spielten. Maria beachtet ihn nicht.
»Das Ziel des Spielers ist, zu sterben. Vielleicht auch, als einzige oder einziger zu sterben. Es stirbt derjenige, der von allen anderen gesehen wird. Vielleicht auch der, der selbst niemanden sieht. Folgenden Regeln ist zu gehorchen. Jeder muß von einem, der sich unter ihm versteckt, bestätigt bekommen, daß er selber sich in einem Versteck befindet, in dem er sich endgültig versteckte. Einderartig bestätigter Tod kann den Tod eines Versteckten bestätigen, der sich über ihm versteckt. Nur wer den Tod eines anderen sieht, kann selber sterben. Die Strategie des Spiels besteht darin, sich möglichst an einem Ort zu verstecken, der so gelegen ist, daß er sich unter den Verstecken von allen anderen befindet.«
Ich verweise darauf, daß die Umdrehung des Turms durch den Regisseur zu beträchtlicher Unruhe bei Poppes, Nathalie und Rosa führt. Wenn es ihnen gleich wäre, ob sie tot oder lebendig sind, würden sie sich nicht darüber aufregen, daß der Regisseur den Turm umgedreht hat.
Maria sagt, nach der Umdrehung des Turms um 180° durch den Regisseur wird Poppes vom ersten Toten zum einzigen Überlebenden. Aber er widerruft, weil er als Poppes für die Erhaltung des Todes ist.
Ich erkläre, Poppes hat vom Regisseur erfahren, daß er der erste Tote sein wird, Poppes ist also dieIinduktionsbasis.Wenn jetzt der Regisseur den Turm umdreht, nimmt Robin die Stellung ein, die vorher Poppes eingenommen hat. Robin müßte vom Regisseur erfahren, daß er nach der Umdrehung um 180° der erste Tote sein wird, damit es weitergehen kann. Aber der Regisseur tut nichts. Robin fordert ihn auch nicht auf, etwas zu tun. Es gibt keine Induktionsbasis mehr. Die anderen fragen, wenn der letzte nicht mehr sterben kann, was ist dann mit uns? Poppes fühlt sich für die anderen und für das Spiel verantwortlich. Mit Robin kommt das Spiel nicht voran. Deswegen ist Poppes für die Erhaltung seines Todes. Man hat sich an den Unteren so gewöhnt. Man hat sich an den Untersten so gewöhnt. Man hat sich an den Tod so gewöhnt.
Murau wirft ein, der Regisseur erkläre den Spielern das Spiel bewußt so, daß die Regeln, die Strategie des Spiels und sogar das Ziel des Spiels unklar und bestenfalls mehrdeutig blieben. Dabei sei nicht vorausgesetzt, es gebe ein Spiel, dessen Ziel, Regeln und Strategie der Regisseur überlegt verschmiere. Genausogut könne es der Fall sein, daß der Regisseur einfach Bruchstücke aus verschiedenen, ihm gerade durch den Kopf gehenden Spielen gegenüber den Spielern als Ziele, Regeln und Strategien aufsage und als ein Spiel ausgebe. Es sei nicht wichtig, ob sich aus den Erklärungen des Regisseurs tatsächlich ein Spiel rekonstruieren lasse. Der Regisseur betrachte interessiert, wie sich die Spieler in und mit den unscharfen und vieldeutigen Regeln, Strategien und Zielen einrichteten, und besonders interessiert, was geschieht, als er schließlich den Turm umdreht. Seltsamerweise, aber vielleicht auch erwarteterweise, nähmen die Spieler die Umdrehung des Turms nicht etwa zum Anlaß, vom Regisseur eine Klärung bisher unklarer Regeln oder des doch unklaren Ziels zu verlangen. Sie fragten zwar, warum der Regisseur den Turm umgedreht habe, bitte, warum er das getan habe, aber sie hätten sich offensichtlich in dem Spiel, das gar keins sei, so eingerichtet, daß sie darauf bestünden, daß das Ziel, die Regeln und die Strategie des Spiels, das sie zu spielen glaubten, unverändert bleiben sollten.
Ich sage, Hofmann würde formulieren: Kein Spiel für die Spieler.
Maria sagt, ihr Mann würde formulieren: Ein Spiel für den Regisseur. Ein Umdrehspiel für DEN REGISSEUR.
Elaines Gesicht ist, von ihrem Körper getrennt, mittels zweier Schnüre, Drähte oder Stäbe, die von den Schläfen ausgehen, an zwei Pfosten im grünen Zimmer des Todesversteckspielturms befestigt. Sie hat die Augen, die von großen weißen Höfen umgeben sind, geschlossen und den Mund leicht gespitzt. Die Unterschenkel sind an den Knien mit dem ungestalten Becken verbunden, so daß sich die Füße kurz unterhalb des Gesichts befinden. Sie besitzt keinen Oberkörper. Sie öffnet die Augen und spricht zu Murau.
»DER REGISSEUR hat Aufzeichnungen gemacht ...«
Die nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind, unterbricht Murau.
»DER REGISSEUR hat seine Aufzeichnungen ...«
Er hat die Aufzeichnungen niemand anderem zugänglich gemacht, Murau mich ansehend.
»DER REGISSEUR hätte niemals geglaubt, daß seine Aufzeichnungen irgendwelche Folgen haben könnten. Bis er vollkommen zufällig in einer Buchhandlung das erste Buch Hofmanns sah.«
Murau hat geäußert, die Erinnerung daran ist über jeden Zweifel erhaben, er mache die Aufzeichnungen, die den Titel Auslöschung tragen, nur mir zugänglich und niemand sonst besitze von ihrer Existenz Kenntnis. Ich habe immer vorausgesetzt, daß diese Aufzeichnungen die einzigen sind, die Murau angefertigt hat und daß er niemanden außer mir auch nur von ihrer Existenz unterrichtet hat. Seine Aufzeichnungen sind nicht die Hervorbringungen eines Anfängers. Er hat auch niemals geäußert, er habe vor diesen Aufzeichnungen keine anderen verfaßt. Es muß Vorgängeraufzeichnungen geben. Die Murau Hofmann ohne Wissen Marias zugänglich gemacht hat – die Murau Maria ohne Wissen Hofmanns zugänglich gemacht hat – in die Murau beiden Einsicht gewährt hat?
Ich frage Elaine, woher sie weiß, daß Hofmann die Aufzeichnungen kannte. Sie weiß es nicht sehr lange.
Murau hat die Aufzeichnungen Hofmann ohne Wissen Marias und Maria ohne Wissen Hofmanns gegeben, beide zum Stillschweigen gegenüber dem jeweils anderen angehalten, und sie haben beide seinem Willen entsprochen?
Murau bemerkt, wenn es ein Spiel gebe, dann sei dies weder ein Spiel für den Regisseur noch für Nathalie, Jeanne oder Rosa, sondern für Poppes und beziehungsweise oder Robin. Nämlich ein Spiel für einen, der sich darin gefalle, sowohl der erste Tote wie der einzige Überlebende zu sein, und der die anderen, Nathalie, Jeanne, Rosa und Robin und den Regisseur, oder Nathalie, Jeanne, Rosa und Poppes und den Regisseur nur erfinde, um seine entsetzlichen Stimmungsschwankungen – im einen Augenblick sei er der erste Tote, sofort danach der einzige Überlebende – in etwas, was er nicht selbst sei, so einzupassen, daß er behaupten könne, die Außenwelt, eben das Spiel habe seine wahnsinnigen Stimmungen verursacht.
Nicht nur Maria, auch Elaine ist mit Muraus Aufzeichnungen vertraut. Was nicht bedeuten muß, daß Maria und Elaine mit denselben Aufzeichnungen vertraut sind. Es eröffnet sich die Möglichkeit, Murau hat nicht nur die Auslöschung und ein Vorgängerkonvolut von Aufzeichnungen verfaßt, sondern mehrere Vorgängerkonvolute. Hat Murau verschiedene Aufzeichnungen angefertigt, die jeweils nur für einen einzigen Leser bestimmt waren? Hat Murau ein Buch für Hofmann, ein Buch für Maria, ein Buch für Elaine und ein Buch für mich geschrieben?
Während Muraus Ablenkungsversuch hat sich Elaine zur Seite gedreht und die Augen wieder geschlossen, die Lider so zusammengekniffen und den Mund so gespitzt, daß ihr Gesicht mit Ausnahme der Augenlider, der Nase und der Partie um den Mund eine tiefrote Farbe annimmt. Jetzt legt sie die Unterarme an die Oberarme an und spreizt die Finger, um jeweils mit dem Daumen das Schulterblatt von vorn zu berühren. Dabei beugt sie sich zurück, winkelt die aneinandergepreßten Beine ab, bis sie lotrecht zum Unterkörper stehen, und legt die Unterschenkel an die Oberschenkel an, so daß ihre Beine in einem roten Pfeil auslaufen, der auf Murau zeigt.
»Wem billigen Sie mehr Phantasie zu. Seit er tot ist. Dem Schriftsteller oder Ihrem Schüler.«
Murau sagt, der Schüler habe ein gutes Gedächtnis gehabt, der Schriftsteller ein schlechtes. Vielleicht sei dem Schriftsteller doch etwas eingefallen.
Elaine sagt, vielleicht ist Ihrem Schüler eingefallen, alle Unterhaltungen mit Ihnen bis in den genauen Wortlaut hinein niederzuschreiben. Können Sie ausschließen, daß sich eine Niederschrift mit dem Titel Gespräche mit M. im Besitz der Mutter Ihres Schülers befindet? Die veröffentlicht werden könnte, und jeder, auch der oberflächlichste Leser der Welt, würde zu der Überzeugung gelangen, Ihre Art, sich über Gott und die Welt zu äußern, stelle den Versuch dar, die Erzählweise des Schriftstellers zu kopieren, dieser Versuch sei nicht gelungen, Ihnen sei keine eigenständige Prosa geglückt, et cetera?
Murau entgegnet, es gibt keinen Tod. Ich verbessere:

ES GIBT
KEINEN TOD

Elaine beugt sich wieder vor und streckt die Beine.
»Wenn stirbt, wer den Tod eines anderen sieht und wer von einem anderen gesehen wird, wenn einer, der sich versteckt, nur hinunter-, aber nicht hinaufschauen darf und wenn es das Ziel eines jeden ist, als einziger zu überleben, dann wird sich jeder an der höchsten Stelle im Turm verstecken, die ihm zugänglich ist. Also werden sich alle auf der eventuellen obersten Plattform oder auf dem eventuellen Dach des Turms drängeln, und keiner wird das Ziel erreichen.«
Ich sage, der Todesversteckspielturm ist kein realer, sondern ein imaginärer Turm.
Elaine sagt, wir wollen in keinen Carcere eingesperrt werden.
Ich entgegne, ein Carcere ist ein unendliches Wachstum ins Kleinste, wo vorher das Dekorelement unteilbarer Baustein war, wie ins Größte, wenn Treppen, Gänge, Bögen, Brücken sich in eine Weite ausdehnen, die vom Fassadenentwurf verschlossen war. In einen Carcere kann man niemanden einsperren.
Elaine sagt, wir haben Angst, daß die Galgen ebenfalls wachsen.
Maria sagt, wir haben Angst vor den Inschriften.
Murau bemerkt, wenn es einen höchsten Punkt gebe, dann sei er nie abgebildet. Die abgebildeten Brücken und Treppen führten immer auf eine Weise aus dem Carcere hinaus, daß man keinen eindeutigen Punkt festlegen könne, zu dem die Treppen und Brücken strebten.
»Wie halten wir uns auf einer Galleria Grande oder einem Ponte Magnifico auf?«
Murau erläutert, wie man mittels eines Stadtplans durch Angabe der im Zeitablauf aufeinander folgenden Positionen auf dem Stadtplan einen Weg in Rom beschreiben könne, so sei man auch imstand, mittels Benennung dessen, was man jeweils vor sich sehe, einen Weg in einem Carcere zu nehmen. Genausowenig wie jemand im Carcere durch eine Mauer hindurchgehen könne, genausowenig könne er auf dem Stadtplan durch eine Mauer hindurchgehen. Wie man auf dem Stadtplan auf einen begehbaren Weg angewiesen sei, so benötige man im Carcere eine zu betretende Brücke oder Treppe.
»Wir haben Angst vor Interpretationen.«
»Wir können uns bestimmte Interpretationen nicht vorstellen.«
»Wir wollen auch nicht in den Cyberspace.«
Ich sage, solange ein Mann mit nachdenklicher Miene und mittelalterlicher Mütze den Vordergrundhintergrundwürfel in der Hand halte und Damen in mittelalterlicher Kostümierung unter Vordergrundhintergrundarkaden wandelten und das Ganze nicht für künstliche Dummheit, sondern für Kunst gehalten werde, solange gebe es im Cyberspace keinen Turm, der für das Todesversteckspiel geeignet wäre.
Murau fragt, ob wir über das Spiel sprächen, ob wir es bereits spielten. Ob der Turm umgedreht werde oder nicht. Warum der Turm umgedreht werde.
Ich sage, es ist offengelassen, ob sich Nathalie tatsächlich über Jeanne versteckt oder ob sich beide nur vorstellen, daß sich Nathalie über Jeanne versteckt. Wer vertritt, es gibt keine Notwendigkeit, die Drehung des Turms durch den Regisseur zu widerrufen, wenn sie nur vorgestellt sei und nicht tatsächlich stattgefunden habe, dem muß entgegengehalten werden, man kann genausogut vertreten, es macht keinen Sinn, die Drehung des Turms zu widerrufen, wenn sie tatsächlich stattgefunden hat., denn Poppes ist nicht dazu imstand, den Regisseur so zu beeinflussen, daß er eine getroffene Entscheidung rückgängig oder gar ungeschehen machen würde.
Maria sagt, dann ist es müßig, sich als Vorbereitung auf das Spiel vorzustellen, er sei dazu in der Lage.
Ich sage, es ist außerdem offengelassen, ob Poppes tatsächlich eine Drehung des Turms widerruft oder ob er sich nur vorstellt, eine Drehung des Turms zu widerrufen. Und ich mache auf etwas anderes aufmerksam. Vor der Umdrehung äußern sich alle überwiegend in versteckten Konditionalsätzen:

als Nathalie
die sich über der Jeanne
versteckt

...
als ich als Rosa
daran glauben kann
weil unter mir der Poppes

...
als Poppes bin ich
der erste Tote

...
als Robin könnte ich sagen
der letzte Spieler wäre hier
heroben

Unmittelbar nach der Umdrehung heißt es:

da schweigt der Poppes
unten im Turm

...
die Rosa ruft jetzt den Poppes

...
da staunt jetzt die Jeanne

...
der Robin muß lachen

Während mit Poppes‘ Widerruf alle zu den versteckten Konditionalsätzen zurückkehren:

dann bin ich als Rosa

...
dann bin ich als Jeanne

...
dann bin ich als Nathalie

...
da kann ich als Robin

Nur unmittelbar nach der Umdrehung des Todesversteckspielturms um 180° handeln Jeanne, Nathalie und Rosa unbedingt. Vorher und nachher verhalten sich Jeanne, Nathalie und Rosa nicht wirklich als Jeanne, Nathalie und Rosa.
Maria führt den Ich-Erzähler an, der auf den Zwischenruf, warum sie diesen Turm gebaut hätten, antwortet, sie könnten doch nicht einfach so herumsitzen und nichts tun. Er sagt nicht, sie hätten den Todesversteckspielturm gebaut, um das Todesversteckspiel zu spielen.
Ich führe Nathalie an, die später meint, gut gespielt.
Maria führt wieder den Ich-Erzähler an, der auf die Frage, ob der Entwurf gut sei, erklärt, mehr als ein Entwurf sei doch dieses Spiel nicht. Der Ich-Erzähler wörtlich: Wir entwerfen immer nur.
Ich erwähne noch, jemand ruft vom Seil herüber, ihre Entwürfe seien gut, weil sie deren Umschlag in die Praxis nicht vorsähen, sondern diese schon seien. Ich gebe Maria die Fotografie, die die beiden berittenen Carabinieri vor Santa Maria dei Miracoli zeigt, und sage, dies sei der Standort des Todesversteckspielturms. Maria geht zu Elaine, um mit dieser gemeinsam die Fotografie zu betrachten, ohne daß Elaine die Fotografie berührt. Danach reicht Maria die Fotografie Murau weiter.
Murau sagt, dies sei nicht der Standort des Todesversteckspielturms. Der Standort des Todesversteckspielturms sei am Ausgang des Piazzale Flaminio, zwischen der Viale Washington und dem Viale del Muro. Warum ich den Schwestern die Fotografie mit den berittenen Carabinieri vor den gelben Hinweisschildern gegeben hätte. Ich sage, seine Mutter habe in St. Pankraz eine Fotografie aufgestellt. Nur eine Fotografie. Diese Fotografie habe sie mit Spadolini gezeigt. Vor zwei berittenen Carabinieri und einer Mauer mit einem Hinweisschild für das Pantheon.
Maria sagt zu Murau: »Verändern wir jetzt diese Welt, oder verändern wir sie nicht?«
Elaine zeigt zum ersten Mal einen Anflug von Heiterkeit.
»Ich fühle mich so gut, daß wir die Welt verändern können.«
Welche ist nun die lächerliche Vorhersage. Hat Murau jetzt noch etwas anderes als die allergeringste Kontrolle über Wolfsegg? Hat Murau nicht die absolute Sicherheit darüber, was mit Wolfsegg geschehen wird?
Murau sagt, er sei tot, oder er stelle sich zumindest vor, er sei tot. Er sei schon molekular abgebaut, oder er stelle sich vor, er sei schon molekular abgebaut. Er sei der letzte Murau gewesen, und es werde nichts von ihm zurückbleiben, oder er stelle sich vor, es werde nichts von ihm zurückbleiben. Er sei nicht einmal der letzte Murau, weil er sein Erbe ja nicht tatsächlich antrete, oder er stelle sich vor, er sei nicht der letzte Murau, weil er sein Erbe ja nicht tatsächlich antrete.
Ich will sagen, das ist alles ein Irrtum. Wolfsegg höre ja nicht zu bestehen auf. Solange es Wolfsegg gebe, solange gebe es auch die Muraus. Solange Wolfsegg existiere, solange existiere der letzte Murau, auch wenn er bereits molekular abgebaut sei. Erst wenn auch Wolfsegg abgebaut sei, wenn der zentrale Gutshof, die unmittelbar angelegenen Ländereien wie die nicht unmittelbar angelegenen Ländereien aufgeteilt, verwertet seien, erst dann existiere kein letzter Murau mehr. Er, Murau, tue alles für sein Überleben. gegen seine erklärten Absichten, oder auch gegen seine tatsächlichen Absichten, wie sein Schüler vermutete, das zu entscheiden, maßte ich mir nicht an. Solange Wolfsegg Wolfsegg bleibe, solange sei sein Überleben garantiert.
Aber ich sage natürlich nichts.
Elaine fordert Murau auf: »Sie brauchen mich nur zu berühren.«
Murau entgegnet, bei mir machen Sie keinen Unterschied.
Elaine wendet sich mir zu.
»Und dann du. Und dann Maria.«
Sie blickt Maria an.
»Oder zuerst du und dann du.«
Murau sagt, der letzte Mensch wäre in diesem Fall nur für sehr kurze Zeit der letzte Mensch. So kurz, daß ein nicht besonders genauer Beobachter gar nicht angegeben kann, wer wirklich der letzte Mensch ist.
»Es wird keinen Beobachter mehr geben.«
Murau fragt, was mit ihr, Elaine, sei.
»Falls Sie sich nicht entscheiden können ...«
Murau sagt, er hat sich entschieden.



Der Text stammt aus Fall. Roman, erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 1997 (ISBN 3-627-00031-5), S. 287-303, und wurde erstmals gedruckt in Sabine Kyora (Hg.): falsches lesen. Zu Poesie und Poetik Paul Wührs. Festschrift zum 70. Geburtstag, Bielefeld (Aisthesis Verlag) 1997 (ISBN 3-89528-178-6), S. 285-294. Wir danken dem Autor und dem Verlag. Copyright Frankfurter Verlagsanstalt GmbH.

Unsere Textvorlage: Kyora (Hg.): falsches lesen. Beachten Sie bitte die Textvarianten.

Gespielt wird mit dem Kapitel Der Todesversteckspielturm in Das falsche Buch von Paul Wühr, erschienen 1984 im Carl Hanser Verlag, München, und als Fischer-Taschenbuch 5944, Frankfurt a. M. 1985 (ISBN 3-596-25944-4), S. 242-253.

 

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