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AUTHENTIZITÄT UND FIKTION.
ÜBER DAS O-TON-HÖRSPIEL
Meine auf Gegenmünchen folgenden Originalton-Hörspiele sind
eng mit diesem Poem verbunden. Ich versuchte 1970 - in Zusammenarbeit
mit Christoph Buggert, damals freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks
- das Buch als Hörspiel einzurichten. Das lag nahe, weil es sich
bei Gegenmünchen um eine Komposition aus vielen dramatischen, epischen
und lyrischen Figurationen handelt, also insgesamt um ein Gedicht. Ich
dachte damals an einen Sternmarsch zum Nockherberg, dem Biersanktuarium
Münchens, insbesondere ging ich von einem Beispiel im Buch aus, nämlich
dem Demonstrationszug der Positivisten. Doch schon bald mußte ich
einsehen, daß alle Dokumente des Jahres 1968, die ich in Gegenmünchen
verarbeitet hatte, weitgehend ihren dokumentarischen Charakter einbüßten,
wenn sie von ausgebildeten Sprechern hörbar gemacht würden.
Diese Einsicht lähmte. Die Übersetzung von Teilen Gegenmünchens
in ein Hörspiel und eine entsprechende Weiterarbeit im Stile des
Buches wurden aufgegeben. Erfahrungen in der Arbeit mit Originalton-Hörspielen
gab es damals kaum. Ich kannte kein Spiel dieser Art. Ich wußte
nicht weiter. Da gab Christoph Buggert den entscheidenden Impuls: Ich
sollte mir mit Tonbandaufnahmen das Ausgangsmaterial für ein Hörspiel
selbst verschaffen.
Als ich im Sommer 1970 mit den Aufnahmen begann - Jürgen Geers, heute
ein bekannter Hörspielautor, arbeitete von Anfang an mit -, rechnete
ich mit großen Schwierigkeiten. Jedoch von einigen wenigen Ausnahmen
abgesehen, gab man überall auf den Straßen, in den Lokalen
und Wohnungen bereitwillig Antwort auf meine Fragen, wie man sich in unserem
Staate fühle, wie man die Situation und die Lebensbedingungen beurteile
- nachdem ich meinerseits erklärt hatte, was ich mit den auf Tonband
aufgezeichneten Antworten, Aussagen und Meinungen zu tun beabsichtigte.
Das allerdings konnte ich damals nur ungenau formulieren. Ich mußte
selbst in einer neuen Arbeitsweise erst Erfahrungen sammeln. Zunächst
erklärte ich jedem einzelnen Befragten vor der Aufnahme nur folgendes:
es handle sich vorerst um das Basismaterial für ein Hörspiel;
alle waren einverstanden damit, daß ich aus den besprochenen Bändern
diejenigen Passagen, die mir für die Erschaffung eines Gesamtbewußtseins
geeignet erschienen, auswählen, diese Passagen kombinieren und in
andere - allerdings nicht beliebige oder verfälschende - Zusammenhänge
bringen würde. Sie alle waren also einverstanden damit, daß
ihre individuellen Aussagen Teile einer überindividuellen Aussage
würden. Wie ein solches Gesamtbewußtsein entstehen könnte,
zeigte sich mir im einzelnen erst während meiner Weiterarbeit. So
jedenfalls drückte ich mich aus, als ich bei der Verleihung des Hörspielpreises
der Kriegsblinden von meiner Arbeit am Preislied erzählte. Im großen
und ganzen bin ich auch heute noch mit diesen Ausführungen einverstanden,
wenn mir auch der Ausdruck »Gesamtbewußtsein« etwas
zu hoch gegriffen erscheint; vielleicht entspricht »Gruppenbewußtsein«
besser. Ich komme noch öfter auf diese Erklärungen zurück
und werde sie mit Erfahrungen und Einsichten ergänzen, die ich in
den folgenden Jahren machte.
Nach den Aufnahmen mit Personen aus allen Altersgruppen und allen sozialen
Schichten schrieb ich das gesammelte Material ab, das auf fünfundzwanzig
Bändern von je einer halben Stunde Laufzeit vorlag. Da ich mich bei
der weiteren Arbeit ausschließlich vom Material bestimmen lassen
wollte und vorhatte, das Spiel aus Ansätzen zu entwickeln, die ich
im Material vorfinden würde - da ich das geplante Gesamtbewußtsein
mit allen wesentlichen Intentionen der befragten Personen zum Sprechen
bringen wollte -, war diese Schreibarbeit nötig. Und nicht nur deshalb:
Als ich nämlich zu lesen begann, bemerkte ich zum erstenmal Sätze,
die in besonderem Maße, oft auch gegen den Willen des Sprechenden,
kennzeichnend waren, die mir jedoch während der Gespräche sowie
beim Abhören der Bänder nicht aufgefallen waren. Ich isolierte
sie und hatte nun Bruchstücke von Aussagen, in denen sich mit verblüffender
Eindeutigkeit die wirklichen Meinungen und Urteile der befragten Personen
zu erkennen gaben; der Redefluß hatte verschleiert.
Bei dem soeben Ausgeführten handelt es sich wieder um einen Ausschnitt
aus der schon erwähnten Rede in Bonn. Neuformulierungen würden
nichts verbessern. Nur den letzten Satz möchte ich in Frage stellen
oder besser: von Fragen umstellen. Von wirklichen Meinungen und Urteilen
der befragten Personen zu sprechen, ist wahrscheinlich nicht berechtigt,
da es sich vielleicht nur um wahrscheinlich wirkliche Meinungen handelt.
Wahrscheinlich ist auch, daß diese von mir so genannten wirklichen
Meinungen oft nur leichtfertige oder unbewußte Aneignungen
anderer Meinungen sind, also nicht immer persönliche Ansichten wiedergeben.
Hier sind somit Unterschiede zu machen. Aber gleichviel: Der Redefluß
hatte verschleiert. Ein Gesamtbewußtsein wurde bloßgelegt.
Ähnliches würde sich übrigens bei der gleichen Prozedur
gewiß in unser aller Aussagen dekuvrieren. Ich hatte jedenfalls
späteren Hörern nicht in dem Sinn vorgearbeitet, daß sie
sich über die am Spiel Beteiligten amüsieren sollten; solche
Hörer würden damit ihr eigenes Bewußtsein als ein gefährlich
naives demaskieren. Daß die befragten Personen ein differenziertes
Verhältnis zu ihren eigenen Aussagen haben, müßte man
als Hörer feststellen können. Vieles wird zwar so vorgebracht,
als stünden sie ganz dahinter, aber bei vielen Aussagen macht der
Tonfall die Unsicherheit deutlich. Oft werden Behauptungen sogar von einem
verräterischen Kichern begleitet. Soviel kann hier angemerkt werden,
in Wahrheit tut sich viel mehr; unser Gehör ist entweder beschränkt
oder, was höher liegt: es fehlt ihm an einem Geist, der sich ganz
einzuhören vermag.
Aber noch einmal zurück zum zweiten Arbeitsabschnitt: Damals wurde
mir zusätzlich klar, daß ich das Material weitgehend zerlegen
mußte, nicht nur - ich komme darauf später zurück -, um
durch die Kombination der Bruchstücke bestimmte, allen gemeinsame
Verhaltensweisen erkennbar zu machen, sondern auch, um alles Private ausscheiden
zu können.
Beim dritten Arbeitsabschnitt wurden die herausgelösten Teile
kombiniert. Es entstanden Figurationen. Hier arbeitete ich ähnlich
wie in Gegenmünchen. Die Arbeit an Gegenmünchen war die Voraussetzung
für die Entstehung meiner Art von O-Ton-Hörspielen. Ich könnte
noch weiter ausholen und behaupten, daß ich von Anfang an figurierte:
also nie eigentlich erzählte, dramatisierte oder Gedichte schrieb.
Das hier nur nebenbei. Die Figurationen in meinen O-Ton-Hörspielen
sind immer kleine Einheiten, in denen sich die von mir erwähnten
Intentionen eines Gruppenbewußtseins erzählerisch, szenisch
oder lyrisch entwickeln. Alle Figurationen werden dann zu einer Gesamtfiguration
verbunden, z. B. zum Absingen eines Preisliedes.
Ich inszenierte. In einem Spiel finden jetzt Szenen, Begegnungen, Auseinandersetzungen
und fröhliche Einstimmigkeiten statt, die in Wirklichkeit nie stattgefunden
hatten. Und das alles wurde laut in einem O-Ton-Hörspiel. Und das
alles wurde in einem Hörspiel in Szene gesetzt, das aus dokumentarischem
Material entstand. In dieser Figuration gerieten die individuellen Aussagen
und Meinungen der Beteiligten immer wieder in einen neuen Zusammenhang.
Blieb ihr Sinn zwar unangetastet, so bekamen die Aussagen doch einen anderen
Stellenwert. Und das alles in einem Spiel, das aus einem quasi authentischen
Material gewonnen wurde. Und hinzugefügt werden muß, daß
sich die beteiligten Personen sicher nicht so geäußert hätten,
wie sie sich jetzt im Spiel äußern, hätten sie in den
Zusammenhängen gesprochen, in die sie durch meine Figuration geraten
sind.
Alle Arbeitsvorgänge des Figurierens, wie ich sie hier beschrieb,
brachten mir die Vorwürfe der Manipulation und der Zerstörung
des Authentischen ein. Ein Ausschnitt aus den kritischen Anmerkungen zur
Gattung des Originalton-Hörspiels von Wilhelm Genazino, die in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. August 1972 unter dem Titel Der
Mensch verschwindet am Schneidetisch erschienen sind, steht für viele
ähnliche Reaktionen: Das Verschwinden der Personen im Original-Ton-Hörspiel,
die gleichwohl in Kurzauszügen reden dürfen, ist eine Folge
der Herstellungstechnik, die sich dafür herausgebildet hat. Paul
Wühr hatte für sein Stück zwölfeinhalb Stunden Redematerial
gesammelt. Die Interviewten hatten bei den Aufnahmen die Vorstellung,
hier könnten sie sprechen. Das Original-Ton-Hörspiel war mit
seinem Anspruch vor sie hingetreten: »Ihr, die Ihr sonst nur das
Schweigen habt, sollt nun das Sagen haben!« Und es geschah, was
bei der Produktion geschehen mußte: aus dem großen Vorrat
des Gesprochenen wurden einzelne Sätze verwendet, die in der Zusammensetzung
und im Zusammenhang mit vielen anderen Sätzen anderer Menschen bestimmte
Effekte, Verläufe, Strukturen ergeben, die den künstlerischen
Haushalt des Original-Ton-Hörspiels zu bestreiten haben. Wer dafür
eine Formel lesen will, kann sie kriegen: Wer Personen durch Reden auf
Tonband zunächst zum Vorschein bringt, kann sie durch Bandschnitt
wieder verschwinden lassen. Denn der Schnitt, insbesondere der virtuos
gehandhabte Schnitt, ist das wichtigste Regie-Werkzeug bei der Produktion
von Original-Ton-Hörspielen. Wörtlich: Regisseur und Autor können
ihren Lieferanten das Wort abschneiden. Wer seine Satzlieferanten so behandelt,
behandelt sie wie Stehauf-Männchen, denen an jedem Punkt ihres Sprechens
das Reden abgedreht werden kann. Es kommt am Ende ein monströses
Reden heraus, das sich zwar mit Authentizität schmückt, in dem
aber niemand mehr kenntlich ist ... Wenn sich das Original-Ton-Hörspiel
nicht um seine Progression bringen will, muß es wirklich Menschen
nicht nur verwenden, sondern kenntlich machen. Es muß exemplarische
Einzelne vor das Mikrophon bringen.
Zum Vorwurf der Manipulation zitiere ich einen kleinen Ausschnitt aus
meinem Gespräch mit Klaus Ramm, das in dem Band Hörspielmacher,
herausgegeben von Klaus Schöning im Athenäum Verlag, 1983 erschienen
ist: Wie kann ein Autor auf solche Weise den Intentionen aus all den Äußerungen,
Meinungen, Aussagen, Urteilen gerecht werden, mit denen er arbeitet, wenn
er gerade nicht die ausführlichen Inhalte, die ausformulierten Äußerungen,
die begründeten Urteile zitiert, sondern Intentionen festmacht an
winzigen und winzigsten Partikeln des gesprochenen Materials? Wie kommt
es, daß die Intentionen sich gerade nicht in ausagekräftigen
syntaktischen Bögen zu erkennen geben, sondern in bis ins kleinste
zersprengen Rederesten? Darauf antwortete ich in etwa wie folgt: Ich habe
bei der Arbeit am Preislied das erste Mal erkannt, daß sich durch
die Isolation von Satzbruchstücken oder das Abkappen der Sätze
die Intentionen viel deutlicher herauskristallisierten. Der Redefluß
eines solchen Textes verschleierte den Zusammenhang, auch für den
Sprechenden selber. Durch das Herausholen einzelner, für mich ganz
wesentlicher Partikel konnte ich die manipulierte, die vorfabrizierte
Sprache, diese vorfabrizierte, manipulierte Meinung aufbrechen. Ich konnte
damit den Text bis zur Kenntlichkeit treiben - wie Ernst Bloch
sagt.
Noch ein Wort zum Abkappen: die Satzreste, Satzbruchstücke verursachten
innerhalb der Figurationen einen Schwung, einen Rhythmus, eine Sprachgeste,
die mich schon von Anfang an erinnerten an die Strophen eines Gedichtes,
weshalb ich sofort auch dazu überging, meine Figuration in Gedichtform
niederzuschreiben. Hierauf komme ich noch einmal zurück.
Wie ich schon einmal erwähnte: Ich mußte auch zerlegen, um
alles Private ausscheiden zu können. Und ich wollte den Hörern
nicht in dem Sinn vorarbeiten, daß sie sich über die am Spiel
Beteiligten amüsieren könnten. Wenn in meinen Spielen also so
viele Stimmen laut werden, dann auch deshalb, um dies zu vermeiden. Wie
Jörg Drews in seinem Nachwort zu So spricht unsereiner schreibt,
läßt mein Verfahren ... das fatale Vergnügen an der bestechend
plastischen Einzelselbstdarstellung nicht aufkommen und die Kategorie
des ohnehin nur beschränkt aussagekräftigen befragten Subjekts
verschwinden. Das geht über den von mir angesprochenen Schutz der
Privatperson hinaus und redet von einer Unzulänglichkeit, die ich
hier noch einmal betone, wieder mit Worten von Jörg Drews: Ob die
Verbreitung der Selbstzeugnisse von Unterprivilegierten und Außenseitern
dieser Gesellschaft bewußtseinsverändernde politische Wirkung
hatte, läßt sich schwer abschätzen. In Abgrenzung zu den
Anfang der siebziger Jahre so begeistert aufgenommenen authentischen Protokollen
spricht Jörg Drews in diesem Zusammenhang auch von der Exotik des
Alltags ... das Individuelle habe fatal pittoreske Qualitäten. Ich
spreche in diesem Zusammenhang von der mühelosen Produktion: Ein
Subjekt, ein Aufnahmegerät, ein arrangierender Autor, und fertig
ist ein Hörspiel oder ein Buch.
Schon 1972 muß ich geahnt haben, daß man mir die Zerstörung
der geglaubten Authentizität vorwerfen wird, schrieb ich doch in
meiner Rede für die Preisverleihung: Mit dieser Herstellungspraxis
wird zugleich einem weitverbreiteten Glauben an die Authentizität
von Dokumenten widersprochen, der naiv für Wirklichkeit hält,
was ihm als Dokument geboten wird. Dieser Glaube sieht nicht, daß
es sich bei jedem Dokument nur um Ausschnitte handeln kann, und daß
bei der Auswahl dieser Ausschnitte immer bewußt oder unbewußt
manipuliert, Wirklichkeit also mehr oder weniger verfälscht wurde.
Am fatalsten dürfte sich dieser Glaube im politischen Bereich auswirken.
- Und wenn das so ist, kann ich nicht einsehen, daß nun auch noch
Hörspielautoren diesen Glauben an die Authentizität von Dokumenten
fördern, indem sie ihr Material so wenig wie möglich verändern.
Gerade das Original-Ton-Hörspiel gibt die Möglichkeit, durch
offenes Eingeständnis der Manipulation diese aufzuheben und damit
auch den Glauben an die Authentizität von Dokumenten abzubauen.
Ich stellte das Preislied sehr oft in der Öffentlichkeit vor, und
immer wieder gab es erregte Diskussionen. Der Glaube an die Authentizität
nahm manchmal, besonders bei Jugendlichen, geradezu fanatische Formen
an. Das dürfte sich inzwischen wenig geändert haben: Man will
sich an etwas halten können, an etwas Wirkliches. Ich dagegen faßte
schon damals in dem Gespräch mit Klaus Ramm, authentisch übertreibend,
zusammen: Für mich entsteht aus all diesen Partikeln so etwas wie
eine zweite Authentizität, eine Authentizität allerdings, die
mir ehrlicher und kritischer erscheint als die erste. Die erste Authentizität
ist für mich keine, die ist überhaupt nicht herstellbar, die
gibts nicht. Eine zurückhaltendere und genauere Antwort gibt
Jörg Drews in seinem Nachwort zu dem Sammelband meiner Originalton-Hörspiele:
Wühr manipulierte - in den Hörspielen und nun auch
in dem Originaltext-Buch - sein Material bewußt, um es über
die Pseudo-Konkretheit des Einzelfalles hinaus zum Sprechen zu bringen;
er riß Äußerungen aus ihrem vereinzelnden Zusammenhang,
zerstörte völlig die erste Authentizität des Materials
und machte sich daran, ihm dafür die zweite, die höhere Authentizität
zu geben, es zur Kenntlichkeit zu verändern (Ernst Bloch).
Der Fall wurde im Chor aufgehoben, der Chor aber sprach nicht in individuellen,
sondern in kollektiven Mustern. - Ich stelle also eine zweite Authentizität
her, die offen manipuliert ist, sagte ich zu Klaus Ramm. Ich behaupte
gar nicht, so ist die Wirklichkeit; so - kann ich nur behaupten - ist
die Wirklichkeit, wenn sie durch meinen Kopf, der hier figuriert, hindurchgeht.
Also, meine Person gehört offensichtlich dazu. Würde ich sie
wegnehmen, was ja überall geschieht, und würde ich dann behaupten,
das ist Wirklichkeit: das ist dann für mich Manipulation. Er faßte
in diesem Gespräch dann zusammen: Mit dieser Konzeption stellt Wühr
sich bewußt in einen Widerspruch zu einer Reihe von - interessanten
und wichtigen - O-Ton-Hörspielmachern, die durch den zitierten Originalton
einzelne Menschen, einzelne Schicksale direkt zur Sprache bringen wollen
und die dafür in Kauf nehmen, daß ein von Mikrophon, Raum,
Personen, Hörspielmacher, Redakteur, Programm durchgängig bestimmter
Ausschnitt der Wirklichkeit als Wirklichkeit selbst, daß das Zitieren
von zubereiteter Wirklichkeit als Originalton der unverstellten Wirklichkeit
verstanden wird.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Vor einigen Monaten erst habe ich
in einer Untersuchung von Marianne Wünsch und Michael Titzmann (in
einem zu meinem bisherigen Werk erschienenen Materialienband im Friedl
Brehm Verlag) die treffende Definition für das Verhältnis von
Authentizität und Fiktion in meinen O-Ton-Arbeiten gefunden. Ich
zitiere: Laut Vorbemerkung des Autors gilt, daß die Teiltexte der
vier Abteilungen des Bandes ( So spricht unsereiner ) auf Tonbandaufnahmen
von Sprechakten realer Personen beruhen. - Aber die Textteile reproduzieren
nicht diese Bandaufnahmen, sondern jeder dieser Textteile präsentiert
sich als Kombination von Elementen, die der Autor Wühr aus den Reden
verschiedener realer Sprecher selegiert hat: Jede Leerzeile zeigt an,
daß eine andere Person spricht. Jede Zeile jedes Teiltextes ist
also authentische Rede eines realen Sprechers; jeder Teiltext ist hingegen
eine fiktive Rede, die aus den Akten der Selektion und Kombination einer
Autoreninstanz entsteht. Aus den realen Reden (von Frauen und Männern)
werden auf diese Weise fiktive Texte.
Jetzt spreche ich wieder aufs Ganze. Das ist noch einmal ein Ausschnitt
aus meiner Rede: Dokumente, wurde gesagt, sind nur Ausschnitte aus der
komplexen Wirklichkeit. Die vollkommene Darstellung der Wirklichkeit müßte
den ganzen Zusammenhang geben. Das ist aber nicht nur unmöglich,
sondern schon wirklich, nämlich vorhanden, allerdings nicht durchschaubar.
Aber genau darum geht es: um Erkenntnis. - Bleiben also Ausschnitte in
Form von Dokumenten. Bleibt das Eingeständnis, daß es sich
um Ausschnitte handelt. Bleiben die Auflösung dieser Ausschnitte
und die Unterbringung der Bruchstücke in einem künstlichen Zusammenhang,
in einem Gegenspiel, in einer Gegenwirklichkeit: diese bleibt hart an
einer korrumpierten Wirklichkeit und spielt ihre in kritisches Material
veränderten Dokumente gegen sie aus.
Nach dem Preislied entstanden Hörspiele über die andere Wirklichkeit
unterprivilegierter sozialer Gruppen: der psychisch Kranken im Verirrhaus,
der Drogensüchtigen in Trip Null und der Frauen in dem, aus Gründen
der von den Anstalten öffentlichen Rechts gesetzten Tabugrenze, nicht
gesendeten Hörspiel So eine Freiheit - das jedoch im Dramatischen
Zentrum Wien zur szenischen Aufführung kam.
Schon in dem 1967 gesendeten Hörspiel Wenn Florich mit Schachter
spricht hatte ich versucht, Dialoge zu verdoppeln, sie gegenläufig
werden zu lassen. Zum Inhalt aus der damaligen Programmvorschau: Viele
Jahre übertrafen Florich und Schachter, Schauspieler am selben Theater,
zwar meist sich selbst, aber keiner jemals den anderen. Nun muß
der Direktor einen von ihnen entlassen. Da er offenbar ein gütiger
Herr ist, überläßt er die Entscheidung den beiden.Und
weil er weiß, daß er es mit Freunden zu tun hat, und also
damit rechnet, daß diese zwei sprechen können, weil sie vernünftig
sind, wenn sie vernünftig sein wollen, wünscht er, daß
sie in einem Gespräch den Geeigneten suchen, jenen - die Verhältnisse
sind so -, der die Kraft hat, sein Leben zu ändern und neu anzufangen.
Da sie nicht würfeln wollen, findet das Gespräch statt: zwischen
den beiden, zwischen ihren Ehefrauen Ros und Peg, zwischen den Ehepartnern;
doch es kommt nicht vom Fleck. Ist es möglich, objektiv Gründe
abzuwägen, keiner Frage auszuweichen, sachlich miteinander zu reden,
ohne Hinterhalt, wenn es um die Gesprächspartner geht?
Mit den damaligen technischen Mitteln war es jedoch noch nicht möglich,
Personen sprechen und ihre Gedanken vor- oder nachlappen zu lassen. Einen
zweiten Versuch machte ich in dem 1976 vom Bayerischen Rundfunk gesendeten
Originalton-Hörspiel Viel Glück. Zunächst wählte ich
wieder aus dem Gesamtmaterial aus und montierte so, daß größere
Sinnzusammenhänge entstanden. Ich parzellierte also nicht wie in
allen anderen, früher entstandenen O-Ton-Hörspielen. Ich fügte
als neues Element Kommentare ein, die einige der Diskussionsteilnehmer
nach nochmaligem Hören der Gespräche vom Tonband spontan dazu
abgegeben hatten. Diese Stellungnahmen überlagern die ursprüngliche
Montage, schrieb Brigitte Weidinger in der Funk-Korrespondenz vom 15.
9. 1976, und liefern eine zusätzliche Dimension von Echtheit und
Lebendigkeit, die aber eben nicht als kommentierende Einmischung von außen
wirkt. Das ist gut gelobt. Aber ich muß zugeben, daß bei einer
so großen Teilnehmerzahl die neue Möglichkeit, O-Ton-Hörspiele
zu machen, sich nicht durchsetzen kann. Ein Kammerspiel dürfte geeigneter
sein.
Im Sommer 1984 erzählte mir Klaus Schöning vom Westdeutschen
Rundfunk von seinem Plan, Klangbilder einzelner Metropolen produzieren
zu lassen und bot mir an, in dieser Reihe München zu übernehmen.
Es entstand Soundseeing Metropolis München, urgesendet am 21. Oktober
1986. Die Herstellung einer Collage aus Geräuschen erwies sich als
etwas ganz Neues, nicht nur, weil sich Aufnahme- und Reproduktionstechnik
inzwischen weiterentwickelt hatten, sondern auch, weil es einer Neuorientierung
über die Möglichkeiten des Hörens bedurfte. Nach der theoretischen
Annäherung sammelte ich mit meinem Mitarbeiter Michael Langer, der
vor allem auch für die Aufnahmequalität verantwortlich war,
praktische Erfahrungen auf zahlreichen Rundgängen und Rundfahrten
durch die Stadt. Es dauerte einige Wochen, bis aus visuellen Stadtwanderungen
wirklich und ausschließlich auditive geworden waren. Die Komposition
einer Stadtführung war von Anfang an geplant. Auf diese Weise wollte
ich der Gefahr einer mehr oder weniger beliebigen Sammlung von Geräuschen,
die typisch sind für München, entgehen. Wir mußten zunächst
lernen, daß man bei geschlossenen Augen Bewegungen im Raum nur sehr
vage folgen kann. Das Ohr lokalisiert zwar mit hoher Geschwindigkeit eine
Schallquelle in ihrer Richtung, ermißt aber sehr ungenau ihre Entfernung.
Bewegt sich eine Schallquelle auf den Hörer zu oder in unterschiedlichen
Entfernungen an ihm vorbei, verändern sich also Richtung und Entfernung
gleichzeitig, dann wird die Bewegungsrichtung unbestimmter und zur Irritation.
Durch Stereoaufnahmen wurde diese Irritation perfekt. Wir als Aufnehmende
wußten zwar noch, an welchem Standort wir die Geräusche empfangen
hatten, dem Hörer jedoch fehlt diese gespeicherte Information völlig.
Aufgrund dieser physiologischen und technischen Gegebenheiten verbot sich
somit eine kartographische Stadtführung. Diese mußte zu einer
»Sightseeing tour« fürs Ohr, nämlich zu einer »Soundseeing
tour« werden. Ich verzichtete nicht nur auf die authentische Führung,
sondern ich verstärkte und verdichtete diese Irritation, indem ich
keine Rücksicht mehr nahm auf lokale Zusammenhänge. Zunächst
in einer Partitur und dann bei der Mischung im Studio stellte ich - mit
den Ohren denkend - keine kartographischen, sondern semantische Zusammenhänge
her, die den Hörer reizen sollten: selbst Zusammenhänge herzustellen,
also mit den Ohren zu schauen, was nur bedeuten kann, daß er mehr
sieht, daß er die Stadt hinterschaut. So ist der Begriff »Soundseeing«
zu verstehen. Aus der Not eine Tugend machend, entstand durch die Irritation
nicht der geläufige Irrgarten, sondern eine Irreführung, bei
der Münchens Lokalitäten als Sound umbesetzt und schließlich
durch eine Stadtsoundkomposition ersetzt wurden, die nicht durch Beliebigkeit
der Geräusche, sondern als eine bestimmte Gestalt zu hören,
d. h. zu denken gibt. Hier schauen die Ohren. Bei dieser Führung,
die sich große Sprünge, auch durch die Geschichte erlaubt,
gibt es Gänge und Märsche, vor allem aber Auf- und Abstiege,
die wegen des unterschiedlichen Aufsetzens der Füße auf den
Stufen mit dem Ohr deutlicher wahrzunehmen sind. Diese weitere Möglichkeit
zum Vermeiden beliebiger Richtungslosigkeit betont auch die vertikale
Achse der Komposition. Zuletzt sei noch erwähnt, daß mich natürlich
die verbalen Elemente in dem vorgefundenen Geräuschmaterial interessierten.
Worte, Ausrufe, Sätze verführten zu Geräuschen und umgekehrt.
Paul Wühr: Das Lachen eines Falschen. Wiener Vorlesungen zur
Literatur.Mit Bildern von Jürgen Wolf. München (K. Kieser Verlag)
2002
(= écart 1), S. 37-49
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