PAUL WÜHR: [POESIE UND TECHNIK]
Auszug aus dem Tagebuch-Projekt Der wirre Zopf
LE PIERLE: 20. Febbraio 1990, Martedi
PAW
Wäre Poesie von dieser Welt, dann stürbe sie in jeder Generation. Dann
hat Gutenberg in Mainz damals ihren Totenschein gedruckt in Metallbuchstaben.
Das glaubt, wer sie in Zusammenhang bringt mit wechselnden Techniken
ihrer Konkretion. Die Leute sollten sich nicht derart aufpausen. Wenn
Neues Altes vernichtet, war dieses Alte keine Poesie. Diese stirbt mit
keiner neuen Erfindung. Erfindungen sterben. Was bleibt, ist Poesie,
in welcher Erfindung auch immer sie auftritt, diese bleibt mit ihr am
Leben. In diesem amüsiert sich die Poesie ganz besonders mit ihren Todesanzeigen.
Andererseits macht es ihr auch Spaß, wenn Technik sie verwertet, und
sie hat nichts dagegen, wenn ein Heroe ein elektrisches Format bekommt,
das ihn jedem Gartenzwerg gleichstellt. Im Hightech bleiben Gartenzwerge
unter sich. Es verhält sich doch so: Die Poesie bekommt es niemals mit
der Technik zu tun, aber diese mit ihr. Sie wälzt sich nicht um. Sie
selber ist Revolution. Sie ordnet aber diese nicht an. Und niemand und
nichts, auch keine Ordnung. Das macht sie wenig beliebt. Sie sorgt sich
aber gar nicht um die Liebe. Und was ihre Liebhaber angeht, da lobe
ich aus der Theologie den Begriff heim in die Poesie, der hier gilt:
Auserwählung. Der Augustinus muß hergeben, was er einmal gestohlen,
damit sich die große Menge in geziemendem Abstand hält, wenn Poesie
ihre Auftritte hat. Sie selber hat keine ungeziemende Sehnsucht nach
weiteren Liebhabern. Ihr genügt, was prädestiniert ist. Sie ist keine
Heimat. In sie kehrt man auch nicht zurück. Dort ist man schon immer
gewesen oder wird niemals dort sein.