Jürgen Wolf

Musik
Eine Geschichte wird erzählt: Eine Geschichte wird
erzählt: 1874 oder 1984, besser 1982. Ja, 1982, Tirol. Es ist in
Tirol. Es regnet vor dem Haus, und er fährt nach Tirol. In seinem
Kopf ist Tirol. Eine Geschichte von Tirol. 1982 und Tirol. Die Jugenderinnerungen
eines alten Mannes, hier lügt der Maler. Die Wahrheit wird gelogen
ausgemalt. So ist das Sitte. Tirol entsteht, Gerechtigkeit
vergeht.
Eine Reise nicht mit dem Finger über die Landkarte, sondern mit
diesem hinab, da wo es blüht und grünt, das Tal beginnt, ganz
hinten am See, und es nicht regnet, dort wo das Tal beginnt, vor dem
Aufstieg mit der Angst vor dem Abgleiten, über die Kehren hinauf
zu ihr, mit dem Kopf, der singt: Finger, wir folgen Dir, wie sie nach
der letzten Kehre von ihm unter schwerem Atmen über einen Melkeimer
sich rittlings beugend, erkannt wird, die Bäuerin.
Sie sagt nichts. Sie denkt. Sie denkt, ich bleibe so, wie der Maler
mich haben will. Der Maler denkt, sag doch was. Eine Gruppe von Wanderern
kommt den Berg herab. Sie grüßen die Bäuerin. Die Bäuerin
grüßt, wegen dem Maler noch immer rittlings über den
Eimer gebeugt, diese da zurück. Der Maler ist nicht im Bilde und
wird deshalb von der Gruppe nicht gegrüßt. Im bewundernden
Blick der Bäuerin für die Menschen, die sich durch das Lied,
Großer Gott wir loben Dich, Herr, wir preisen Deine Stärke,
als eine Wallfahrtsgruppe erweisen, liegt ein Kummer, was aber wiederum
den Maler erregt.
Der Kummer, das Wort rittlings langsam gesprochen, das Lied, das Grün,
wird bindfädengleich verwoben und um seinen Hals gelegt. Luft.
Einsam ist der Soldat in der Schlacht. Er beugt sich über und geht
in Deckung. Von hier aus schreibt er ihr einen Brief über die Verfertigung
der Gedanken beim Onanieren, den er aber nie abschicken wird.
Warum weckt mich ein Frühlingslüftchen? Warum weckt
es mich? Auf meiner Braue fühle ich die Sorglosigkeit, und doch
ist die Zeit der Stürme und Sorgen nah zur Hand. Und das
alles mit einer Pistole in der Hand vor seinem kleinen Tod. Der Kuss
der Bäuerin würde ihm da auch nichts nützen.
Was redet Ihr da, sagt die Bäuerin und reckt den Oberkörper,
immer noch über den Eimer gebeugt, etwas nach links, um etwas mehr
Spannung in ihre Oberschenkel zu bringen.
Es wäre leicht für ihn gewesen, eine Ordnung des Denkens und
des Lebens, eine Harmonie in diese ländliche Atmosphäre zu
bringen, wäre da nicht die Wallfahrtsprozession gewesen. Vielleicht
lauert sie hinter den Bergen auf eine Wiederkehr. All dies Lächerliche
und Herdenmäßige ist immer noch für eine schlimme Überraschung
gut. Die Genspirale juckt im fröhlichen Rüssel. Vielleicht
liegt der Fehler in der Annahme, das Ding müsse eine Schraube sein,
weil es die Form einer Schraube hat, dachte der Maler. Zum Denken des
Malers kommen jetzt die Worte der Bäuerin: Seid Ihr im klaren,
ich lasse jetzt den Rock fallen. Als er die Augen aufschlägt,
ist der Rock gefallen, und er sieht das Licht. Und das Licht schimmert
im Winkel ihres Hinterns. Und das Licht kommt auf ihn zu. Das Licht
ist gut. Der Maler malt.
Die Geschichte geht weiter. Sie streift mit der rechten Hand über
den Po hinab zu der Fessel und wieder hinauf zum Po. Ist das schön?,
fragt er. Sie: Sie können aber auch Fragen stellen.
Lauter Schmetterlinge auf der Wiese. Die Hoffnung besteht. Sie finden
nicht zum Licht. Keine Motten, nur Allegorien. Der Maler - als Schmetterling
rechts unten. Der Schmetterling ist das Testeron, das Kribbeln in den
Fingern, die Angst vor dem Neuen, das Kleine im Großen. Gibt es
dafür Zeugen? Nein.
In Ordnung, zurück zum Hintern der Bäuerin. Für einen
Augenblick sitzt er neben ihr und schaut in das Tal. Er stellt sich
die Bäuerin vor. Sie hat nicht nur einen zart rosanen großen
runden Hintern, sondern auch starke Nasenflügel, auf denen eine
schwarzgerandete Brille sitzt. Ihre Haut ist hell und arm an Haaren.
Mit dem Bild der schönen Bäuerin geht er wieder in Deckung.
Neben dem Busch stehen nur selten, meist vereinzelt, mit sich beschäftigt,
die, die darüber nie sprechen, die anderen, die aber heute nicht
da sind, ehrlich gesagt, nie da sind, die, über die man nicht spricht
und auch nicht darüber. Er ist da unten, wie seine Hände,
in Aufruhr. Ein Chronist seiner Zeit. Er will alles festhalten, es schießt
ihm durch den Kopf. Jetzt nicht anhalten. Das Kind auf der Schaukel
schaukelt vor und zurück und umgekehrt. Der Himmel über dem
Tal reißt auf. Die Bäuerin jodelt. Grün. Halleluja.
Das Pferd muß beschlagen werden. Er saugt Luft über die Vorderzähne.
Das Fleisch friert. Der Jäger jagt. Die Sonne scheint. Das Kalb
kalbt. Die Welt vergeht. Er schießt zurück. Tusch. Gras und
Milch. Der Melkeimer der Bäuerin ist umgefallen. Sie hebt den Rock
an. Sie geht ins Haus. Das Tirol. Sie geht aus dem Haus. Nein. Nicht.
Wir danken Jürgen Wolf für die Abdruckgenehmigung.
Alle Rechte bleiben beim Verfasser.
Aktuelle Informationen
auf der Webseite des Künstlers: http://www.juergenwolf.info/
Bio-Bibliographie
1958 geboren in Schweinfurt
1977 - 1984 Studium der Katholischen Theologie
in Würzburg und Wien
Diplomarbeit über den zeitgenössischen Künstler Robert
Höfling
1985 Studienaufenthalt bei dem Maler Polykarp Uehlein
in Tansania, Afrika
1985-1988 Studium der Kunstgeschichte und Kunst
in Frankfurt
lebt und arbeitet seit 1990 in Köln
Einzelausstellungen
1987 Per Africa ad vulviam, Galerie Sauer, Schweinfurt
1988 Die 7 Sakramente, Spitäle, Würzburg
1989 Aperio, Produzentengalerie Frankfurt
1990 No Iron, Kunsthalle Zellingen
(Katalog)
Die Brille der Geschichte im Beuschel, Wasserschloß
Overhagen
I begin yesterdays day, Galerie YU/Yoshida, Nagoya,
Japan
(Broschüre)
1992 Heftiger Hinweis..., Galerie Schulgasse,
Eibelstadt
Lost O with sausages:UNFAIR, Galerie Paszti-Bott, Köln
(Katalog)
1993 The Reimagination of..., with
Ron Morosan, Bemis Center for
Contemporary Arts, Omaha, USA ( Katalog)
Isnt it?, Garden of Zodiac, Omaha, USA
Handbook for a traveller..., B4A Gallery, New York (Katalog)
1994 In Midwest, Galerie Schulgasse,
Eibelstadt
Lost Nature, Galerie Wullkopf, Darmstadt
American Sunbather, Galerie Yoshida, Nagoya, Japan (Katalog)
Das Zittern des Fächers, JAL-Galerie, Frankfurt
1995 Das Unmittelbare der Undinge ißt,
Galerie Paleo, Köln
1996 Nicht dies. Nicht das. Zweimal,
Agneskirche Köln (Katalog)
UND, Bott Galerie & Projekte, Köln (Katalog)
Haus. Waidwund. Los., Hospitalhofkirche, Stuttgart (Katalog)
My art belongs to Daddy, Städt. Sammlungen, Museum
Schweinfurt
(Katalog)
1997 Rosen und Schatten, St. Burkardus-Haus,
Würzburg
Glück, Galerie Barbara von Stechow, Frankfurt
Die Rede des: Das Rot, das Gelb, das Sex, Galerie Fiebach
& Minninger, Köln
1998 Roberto Longhi unties Caspar David Friedrichs
shoelaces,
Roslyn Oxley 9 Gallery, Sydney, Australien
Sex comes home to Franken, Galerie Schulgasse, Eibelstadt
1999 Forum Marquardt, Brüssel (mit Maix Mayer)
Arbeiten zu: Sie wünschen: Hat, hat, hat er gesagt,
Kulturherbst Aub
2000 Der Wald und der Wolf und im Süden
der Wühr, Galerie Fiebach & Minninger, Köln
Soll ich älter werden?, Museum Burg Ronneburg
Kleiner Kosmos aus: Der Herr Schmitz aus Triest kommt an den Main
und ist verwirrt, sagt der Wolf zum Wühr am Telefon bei der Nacht,
Sparkassengalerie Schweinfurt
Der Herr Schmitz aus Triest kam an den Main und war verwirrt,
sagt der Wolf zum Wühr am Telefon bei der Nacht, Galerie
Schulgasse, Eibelstadt
2001 5 Gründe zum Weiterleben,
Galerie Weilinger, Salzburg
The nudist, the travelling case and John Cages shoe,
Chamot Gallery, Jersey, USA
Dress code and intellectual nudists, Bronxville Art Center,
New York, USA
Gruppenausstellungen
1987 Anathema, Alte Oper, Frankfurt
(Katalog)
1988 Takahata Art Salon, Osaka, Japan
1989 Galerie YU/Yoshida, Nagoya, Japan
Galerie Finkenstraße, München (Katalog)
1990 Galerie Sauer, Schweinfurt
Städt. Sammlungen, Museum Schweinfurt (Katalog)
Takahata Art Salon, Osaka, Japan
1991 Galerie Finkenstraße, München (Katalog)
Naturkunde I, mit V.Tannert, J. Dokoupil, W.Dahn u.a.,
Galerie Paszti-Bott, Köln
1993 Dauerkarte, mit G.Tuzina, U.Wellmann, Galerie
Paszti-Bott, Köln
( Broschüre)
Naturkunde II, mit M.Dion, A.Roiter, U.Dossi u.a., Heliosturm,
Galerie Paszti-Bott, Köln
Waldeslust, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart
1994 Naturkunde II, Kunsthochschule
Budapest, Ungarn
Im Wald und im Flur, KX-Galerie, Kampnagel, Hamburg
Aus den Studios, Bemis Center for Contemporary Art, Omaha, USA
1995 Naturkunden III, Psych. Landesklinik
Bedburg
Out of the Blue, Streetvoice Factory, Köln
Cafe Contact Künstlerbordell, Friesenstraße,
Köln
1996 If the shoe fits, FAO Gallery, New York
1997 Budhette University, Ultimate Akademy, Köln
Accrochage, Galerie Paleo, Köln (Katalog)
Über das Gemeingefühl, Transkultur/Bott Projekte,
Köln (Katalog)
Kartäuser Museum der Diözese Würzburg (Katalog)
Tuchfühlung, Langenberg-Velbert (Katalog)
Mit dem Rücken zur Wand, Künstlerhaus Dortmund
Regionalism/Identity, Sheppard Gallery, University of Reno,
USA
1998 Auferstehung, Hospitalhof, Stuttgart
(Katalog)
Stadthausforum Peto, Köln
2000 Künstler der Galerie, Galerie Weilinger,
Salzburg
Positionen - Deutsche Kunst nach 1945, Städt. Sammlungen
Schweinfurt
5 + 3, mit Michael Rösch, John Miller u.a., Projektraum
Galerie
Hasenclever, München
2001 Süß! Unterfrankens süße Industriegeschichte,
Deutschland-Tournee
Performances, Lesungen, Theater
1983 Performance Mein Grab, Würzburg
1984 Performance Der Eispalast, Würzburg
1985 Performance Frau Holle, Meschede
1985-1990 Kleinere Filmprojekte
1993 Performance Nur der Schönheit von
Schweinfurt weihe ich mein Leben, Schweinfurt
1995 Lesung und Performance mit Paul Wühr,
Köln
Lesung Kulturnacht, Schweinfurt
1996 Performance Die Liebe zur deutschen
Malerei ist grenzenlos,
Aub
Lesung Kulturnacht, Schweinfurt
1997 Performance The love to painting is
borderless, Sheppard Gallery,
University of Reno, USA
Das Sex I, Theaterprojekt mit Caroline Jung, Martin Horn
und Gotthard Lange, Köln
1998 Performance mit Ben Patterson Die Meisterspargel
von Nürnberg,
Art Base, Köln
Das Sex II, Theaterprojekt mit u.a. Martin Horn, Gotthard
Lange, Eibelstadt
Best of Sex, Theaterprojekt mit u.a. Caroline Jung, Martin
Horn, Gotthard Lange, Aub
1999 Sie wünschen: Hat, hat, hat er
gesagt, Theaterprojekt mit 5 Hamburger Schauspielerinnen, Aub,
Brüssel, Köln u.a.
2000 Performance mit Martin Horn, Hamburger Schauspielhaus,
und Günther Koch, Bayrischer Rundfunk
2001 Waidwund, Haus, Erinnern und Vergessen,
Aub
Preise und Stipendien
1992 6-monatiger Aufenthalt in der Bemis Foundation , Omaha,
USA
Anker Bank Preis, Köln/Zürich
1994 Gastvorlesung an der Universität von Reno, USA
1998 Preisträger Bahnhofsprojekt Meißen
Öffentliche Ankäufe
Städt. Sammlungen, Schweinfurt
Diözesanmuseum Würzburg
St. Hedwig, Würzburg (Altarbild + Fenster)
Stadtsparkasse Köln
Staatsgalerie Stuttgart (graph. Sammlung)
Sammlung Dr. Rainer Scheerer, Köln
Sparkassenverband Stuttgart
Sammlung Dr. Reiner Speck, Köln
AXA Nordstern
Gerling Versicherungen