| |
Jörg Drews: Laudatio
Magnifizenz,
Spectabilis,
meine Damen und Herrn,
Wenn Paul Wühr seine Dichtung emphatisch als „Poesie“
bezeichnet, so klingt dies immer sowohl wie ein Höchstes
beschwörend als auch drohend. Für den 1927 in München
geborenen Autor ist Literatur, über die zu reden und um
die schöpferisch zu bemühen sich lohnt, nicht etwas
für eine ‚Zielgruppe’ Geschriebenes und erst
recht kein Markt- und Unterhaltungsphänomen, sondern etwas,
das auf emphatische Weise mit Erkenntnis zu tun hat. „Poesie“
ist für ihn das Wort für Wesen und Auftrag eines Dichtens,
das alles grundsätzlich in Frage stellt,
alles Gewußte mit Sarkasmus, Ingrimm und Scharfsinn in
Frage stellt, in Bewegung und Unruhe versetzt, subvertiert und
keinen der angeblich sicheren Werte oder Begriffe respektiert.
Poesie ist bei und für Wühr immer „schlimm“
und „unverschämt“, weil sie immer weiterfragt,
wo alle gerne einmal Begütigung und Beruhigung im Ästhetischen
einkehren sähen, und sie ist zugleich aufsässig und
erheiternd, weil sie sich die vorgefundene Sprache der Literatur,
der Wissenschaft und des öffentlichen Diskurses zurichtet,
daß sie das Suchen, die immer neuen Fragwürdigkeiten
und Fragen ausdrücken kann, die das ruhelose, das 'poetische'
Denken erreichen möchte.
Die großen Leistungen des Lebenswerkes, auf das Paul Wühr
inzwischen blicken kann, liegen erstens auf dem Gebiet
einer sowohl gedanklichen wie auch erzählerischen Prosa,
die mit den herkömmlichen Gattungsbezeichnungen nicht recht
zu fassen ist. „Gegenmünchen“ wahrhaft kein
Buch gegen München, sondern ein so barsches wie beredtes
Projekt, an dem 1970 die Kritiker – inklusive meiner –
gescheitert sind; „Das falsche Buch“ von 1983 –
so sieht, würde ich heute sagen, ein Großstadt-Roman
aus, der sich nicht zu billig verkauft – und „Luftstreiche“
von 1994 – Kultur-Kritik als hämmernd-hinterlistiges
Ostinato in Prosa: das ist der Prosa-Autor Wühr, der’s
aber deshalb noch lang nicht mit dem planen Erzählen hat.
Zweitens hat Paul Wühr insbesondere in den siebziger
Jahren entscheidend zur Entwicklung des Originalton-Hörspiels
beigetragen; er hat mit den Hörspielen von „Preislied“
bis „Soundseeing München“ dem Originalton-
und Dokumentarhörspiel gewissermaßen die Naivität
ausgetrieben, hat gezeigt, wie man Originaltönen etwas
anderes ablauschen kann als diese selbst wissen und hat dennoch
nicht ‚manipuliert’, sondern zur Kenntlichkeit jene
Einlassungen verändert, die ihm seine Interviewpartner
anvertrauten. Mit großem Recht erhielt er für das
„Preislied“ den Hörspielpreis der Kriegsblinden
für 1972.
Und drittens ist der Lyriker Paul Wühr
zu nennen. Wühr hat schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg
Gedichte zu schreiben begonnen, trat aber erst mit dem Band
„Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr
Töchter ihr Söhne“ 1976 an eine größere
Öffentlichkeit und hat seitdem in den Bänden „Rede.
Ein Gedicht“ (1979) und „Sage". Ein Gedicht“
(1988) sowie vor allem mit den umfangreichen Gedichtwerken „Salve
res publica poetica“ (1997) und „Venus im Pudel“
(2000) ein immer noch wachsendes Ansehen als Lyriker sich erworben.
Mit einer ganz unverwechselbaren Radikalität des Fragens
und der Sprachform hat Paul Wühr nicht nur die traditionellen
lyrischen Themen aufgegriffen, sondern in seiner zum Teil auch
sehr stark vom Gedanklichen bestimmten Lyrik Themen aus der
Naturwissenschaft, der Politik und der Geschichte – insbesondere
Fragen unseres Verhältnisses zu unserer eigenen Geschichte
– behandelt. Das Melodiöse, das Versöhnende,
das Abschließend fehlt allen diesen Gedichten; sie versuchen
vielmehr, verhärtetes, besserwisserisches Denken und Fühlen
aufzulösen, es wieder in Offenheit und in eine Schwebe
zu überführen und das Denken ins Undogmatische zu
öffnen.
Damit lassen wir die Verdienste unerörtert, die Paul Wühr
sich um die Gattung des Tagebuchs durch sein Tagebuch „Der
faule Strick“ (1987) erworben hat; gerade auf diesem Gebiet
erwarten wir von Wühr in der Fortsetzung seiner großen
Tagebuch-Konstruktion, an der er seit Jahren arbeitet, einen
großen innovativen Beitrag zur Gattung des Tagebuchs.
Es gehört zum produktiven Eigensinn Paul Wührs, daß
sich sein Tun in besonders geringem Maße auf gutgelaunte
öffentlichkeitswirksame Schlagworte bringen läßt;
obendrein ist Paul Wühr nicht bereit, das eigene Werk und
sein Denken um des publicity-Effekts willen durchschlagend medienwirksam
zu präsentieren. Dennoch stieg der Ruhm des Dichters Paul
Wühr in jenen Bereichen von Literaturkritik und Literaturwissenschaft,
deren Urteile nicht rasch mit den Tages-Vorlieben der Öffentlichkeit
in Übereinstimmung zu bringen sind. Wühr ist inzwischen
bei den intellektuelleren unter den Lesern deutscher Literatur
vor allem der Autor des ungewöhnlichsten Großstadt-Buches
der deutschen Nachkriegsliteratur geworden und wird als solcher
fast bis zum Kult-Status hochgeschätzt. Es handelt sich
um das schon genannte Buch „Gegenmünchen“ von
1970, den Entwurf des (sozusagen) Röntgenbildes einer Stadt,
das bizarr absticht von dem Bild, das diese Stadt ohne kritische
Durchleuchtung bietet und bieten möchte. Es ist kein Buch
‚gegen München’, vielmehr der Versuch, der
Stadt eine Tiefendimension zu geben, ihre historische Dimension
hinter ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild zu blenden und
damit die Einsinnigkeit und Flächigkeit planen Erzählens
zu übertreffen bzw. zu umgehen. „Gegenmünchen“
ist, so könnte man sagen, eines der wenigen Beispiele für
eine poetisch gelungene, das „Hinterfragen“ in Dichtung
verwandelnde Ideologiekritik am Modell einer Stadt,
in diesem Fall der Geburtsstadt Paul Wührs. In seinem zweiten
München-Buch, „Das falsche Buch“ von 1983,
macht Wühr München und vor allem die Münchner
Freiheit samt präzise eingesenkten geographischen und baulichen
Gegebenheiten zur Spielfläche für seine poetischen
‚personae’, für das Aktions- und Gedankenballett
seiner Figuren und Ideenträger. Berserkerhafter Ernst und
wilde Spielwut treibt sein Personal in diesem Buch, das drauf
aus ist, allen festschreibbaren Regeln, festen Ergebnissen und
starren Maximen argumentativ den Boden unter den Füßen
wegzuziehen und (altmodisch gesagt:) ‚ideologiekritisch’,
aber dabei völlig frei und unschematisch lieber für
angeblich „Falsches“ zu plädieren, das ja kritisiert
und also berichtigt werden kann, als daß etwas als „Richtiges“
(in Politik oder Philosophie) verkündet werden könnte,
das mit größter Wahrscheinlichkeit sich als Richtiges
so verhärt, daß es sich als falsch herausstellen
und fatale Folgen haben wird. Dies ist Wührs Variante der
Dialektik; oder mit Goethe gesprochen: „Stolpern fördert“.
Also: Es lebe der Fehler, und mit den Worten Wührs:
ICH HABE DEN Fehler nicht
machen müssen weil
der sagt
ich bin der Fehler
der ich bin
lasset uns den Fehler machen
ein Bild
das uns gleich sei
Mit dem Band „Grüß Gott ihr Mütter ihr
Väter ihr Töchter ihr Söhne“ von 1976 betritt
Wühr mit einem bieder-sarkastischen Gruß –
nachdem er in den fünfziger und sechziger Jahren eine großräumige
philosophisch-theologische Hymnik betrieb – die literarische
Bühne der Lyrik, und bis zu dem umfangreichen Band „Venus
im Pudel“ von 2000 ist überraschenderweise die Lyrik,
oder besser: das Gedicht, zur wichtigsten poetischen Gattung
für Wühr geworden. Zwar ist das Tagebuch-System „Der
faule Strick“ von 1987 als erster Band eines fortdauernden
Projekts einer Neuformung der Gattung ‚Tagebuch’
noch zu erwähnen, doch intensivste Arbeit leistete Paul
Wühr an der Entwicklung von ungewöhnlichen Gedicht-Formen
und neuen Strophen-Formen, und größte Beachtung fand
er in den letzten 26 Jahren als Lyriker. Von dem genannten „Grüß
Gott“-Buch mit seiner trocken aggressiven Zerstörung
aller lokalpoetischen Klischees über die Bände „Rede“
(1979) und „Sage“ (1988) bis zu den die Gedankenlyrik
und das scharf politische Gedicht streifende lyrische Werk von
„Venus im Pudel“ (2000) entwarf er ein Panorama
von Möglichkeiten, wie Gedichte heute mit größter
sprachlicher Ökonomie komplexe politische und intellektuelle,
historische und religiöse Sachverhalte aufnehmen könnten,
die sich aus der modernen deutschen, d.h. hier der Lyrik nach
dem Zweiten Weltkrieg hinausgestohlen hatten und jedenfalls
nicht ‚bewältigbar’ erschienen, ohne das Poetische
an der Poesie zu zerstören. In Gedichtformen, die natürlich
keine Kantabilität mehr haben, hat Wühr sowohl dem
desillusionierten Rückblick auf den Sommer 1968 wie auch
philosophischen Konzeptionen (A. N. Whitehead, Buckminster Fuller,
Niklas Luhmann) im Gedicht wieder Platz geschaffen; hinzu kommen
sowohl erotische wie auch (wenn man diese Trennung einmal zur
Pointierung vornehmen will) Liebesgedichte, die in Unverblümtheit
wie in Zartheit das meiste an zeitgenössischer Lyrik übertreffen,
was in Deutschland kursiert, und als Dichter dessen, was unter
dem Stichwort „Holocaust“ läuft wie auch als
Autor von Gedichten, die sich mit der deutschen Dichtungsgeschichte
und ihrem Personal wie auch mit den verfehlten Wegen deutscher
Gedichte auseinandersetzen und in trauerndem Streit mit dieser
Geschichte hadern, ist Paul Wühr noch gar nicht genau genug
erkannt.
Insbesondere in den umfangreichen Gedichtwerken „Salve
res publica poetica“ von 1997 und „Venus im Pudel“
von 2000 realisiert Paul Wühr ganz neue Möglichkeiten,
dem Gedicht etwas zurückzugewinnen, was mehr wäre
als stimmungshafte Reimerei oder kritisches, pointensicheres
Dichten rund um allseits vertraute (Tages-)Themen; kaum beachtet
– wohl wahrscheinlich, weil weder Rezensenten noch Literaturwissenschaftler
(die Beispiele liegen sehr nahe) heute Zeit und Neigung haben,
sich auf das präzise Durchstudieren von Bänden mit
600 Gedichten eines neuen Typus einzulassen – hat Wühr
Gedichte geschaffen, in denen er mit den deutschen Dichtern
und Denkern der Vergangenheit, von Lessing und Novalis über
Mendelssohn und Seume bis zu Theodor Lessing ins Gespräch
tritt und die deutschen historischen und poetischen Konstellationen
der Zeit vor allem vor und um 1800 abhandelt; er hat außerdem
mit einer großen Gruppe von Gedichten innerhalb des „Salve“-Bandes
gezeigt, wie politische Lyrik, wenn sie nur sich getraut, radikal
und unschematisch zu sein, bis heute noch jene kritische Sprechweise
sich erhalten kann, die in den sogenannten „Medien“
schon längst nicht mehr erlaubt ist. Und Paul Wühr
hat schließlich in den Gedichten der Bände von „Sage“
(1988) bis „Venus im Pudel“ auch gezeigt, daß
die Implikationen neuer wissenschaftlicher Denkweisen und neuer
wissenschaftlich-technischer Handlungsweisen – Stichwort:
Gen-Manipulation, künstlicher Befruchtung etc. - , die
ins Gebiet des Moralischen hinüberreichen, in bestimmten
Aspekten auch ‚poetisch’ in einem neuen Sinn und
mit einer spezifischen, durchaus erkenntnisträchtigen Schärfe
formuliert werden können, daß also die Poesie nicht
zum ornamental-sekundären Bereden solcher Phänomene
verdammt ist und daß es sich zugleich nicht darum drehen
kann, bestimmte Themen unter Aufwendung eines erkennbar naturwissenschaftlichen
neuen Vokabulars modisch aufzufrischen. Um es mit Bezug auf
den Titel von Wührs Gedichtband „Salve res publica
poetica“ zu sagen: die „res publica“ ist für
Wührs Dichtung der gesamte Umfang dessen, was für
uns alle „öffentlich“ und das heißt:
relevant und diskutierenswert ist, und umgekehrt: es ist gerade
und noch immer das Privileg des Dichters, ohne Abteilen und
Wegsperren von Problemen und Sachverhalten in reine Facherörterungen
alle Fragen und Themen zu Themen der Poesie zu machen.
Poesie – darin besteht nach Wühr ihre Würde
und ihre Unverschämtheit – handelt vor allem davon,
daß ihre Fragen nicht bei den allgemein gegebenen Antworten
sich bescheiden dürfen. Wühr erkennt hier eine Parallele
zum Tun der Wissenschaft: Alle Wahrheit ist vorläufig;
sie ist gewissermaßen nur ein Fakultätsbeschluß,
und der kann bekanntlich auf der Basis neuer Daten und neuer
Argumente wieder aufgehoben werden. Eine einmal gedachte Wahrheit
kann nicht nur überholt werden, sie muß überholt
werden, weil es zu ihrer Verpflichtung auf Wahrheit und Erkenntnis
gehört, sich nicht beruhigen oder gar einschüchtern
zu lassen, um des sozialen oder religiösen Friedens willen
o.ä. Hier ist der Punkt zu sehen, an dem Wühr, der
ein großer Leser deutscher Literatur ist (und in vielen
Gedichten gewissermaßen den Kollegen von Goethe bis Hölderlin
und Brentano antwortet, den ‚liebenden Streit’ mit
ihnen sucht), auch die Literaturwissenschaft und die Philosophie,
die Ergebnisse von Astrophysik und Gentechnik, der Geschichtsforschung
und der Gesellschaftstheorie immer wieder heranzieht, um seine
Poesie auf der Höhe der gegenwärtigen Erkenntnisse
über die Gegenstände der Welt sprechen lassen zu können.
Paul Wühr ist einer der Autoren der deutschen Literatur
dieses Moments, die der Literatur und insbesondere dem Gedicht
wieder bedeutsame intellektuelle Dimensionen eröffnet haben;
seine Dichtung gibt uns Literaturwissenschaftlern etwas zu denken,
und das ist ja wohl das höchste Lob, das Literaturwissenschaftler,
die etwas auf ihre Profession halten, aussprechen können,
und zwar gerade deshalb, weil, wie Rudolf Borchardt sagt, „es
im Grunde zwischen der großen Kunst und der großen
Forschung nirgends selber eine Differenz des Zieles ist, sondern
nur zwischen ihren kleinen Vertretern, und am meisten, wenn
sie einander zu ‚verstehen’ suchen. Die großen
suchen sich nicht zu verstehen, sondern sind, gottlob, borniert,
und gehen ihre eigenen Wege, ohne sich um die des anderen zu
kümmern.“ (Prosa II, Stuttgart 1959, S. 360.) Paul
Wühr kümmert sich sehr wohl um die Wissenschaften,
nur ist er so produktiv borniert, sich unseren wissenschaftlichen
Begriffen von ‚verstehen’ nicht zu beugen, während
wir wiederum so borniert sind, ihn sehr wohl verstehen zu wollen.
Und so wie es ist, das Werk von Paul Wühr, ist es gut.
Oder mit einem kleinen Münchner Merkvers gesprochen, der
die Bewertung ‚opus eximium’ lustig umschreibt:
„bene bene gut,
Du verdienst den Doktorhut!“
Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Jörg
Drews. Die Rechte liegen beim Autor.
|