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Paul Wühr: Dankrede
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Ich rede von ›der Poesie‹ – allerdings nicht,
ohne diese mich vorher erfinden zu lassen. Erst dann nämlich
kann ich sie erfinden und sie die meine sein lassen. Von dir,
sagt meine Poesie – von welcher ich von jetzt an aber
nur noch selten ausdrücklich Besitz ergreifen will –,
von dir weiß man wenig und dieses nicht mit Sicherheit.
Sie läßt mich aber immer wieder einmal die Einheit
meiner Person behaupten. In mir gibt es aber, wie die Poesie
und ich vorführen werden, viele Schreiber, unter immer
anderen Umständen. Es handelt sich, wie sich hier schon
herausgestellt hat, um das Selbstgespräch eines Autors
mit der Poesie.
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| Foto: Inge Poppe-Wühr |
Auf die Frage, ob sie sich sehe, blicke sie in
sich hinein, antwortet eine Figur in einem meiner Poeme: Sie
sehe nicht sich selber, aber viele andere Personen. Mit der
Poesie, mit welcher hier eine Figuration entwickelt wird, wird
gesagt, man befinde sich selbst auch in anderen Personen, sei
also vorhanden, sogar mehrfach, nur eben weit verstreut. Das
ist nicht auszudenken. Aus diesem poetischen Konzept ergibt
sich aber die trotzige Klarheit: ein vernichtender Schlag könne
den Menschen nicht treffen; er sei immer anderswo. Hier wurde
also gegen den Tod figuriert. – Ich mußte nur dafür
sorgen, daß eine konzeptimmanente Logik jenseits der Realität
blieb.
*
Figurationen, Poeme, oft buchlange Gedichte sind
Abfolgen von immer neuen, immer schlimmer ausartenden Drehs,
die mit einer ungesicherten Behauptung beginnen – wie
hier, wenn gesagt wird: ich erkenne mich nicht in mir. Kein
Drama wird abgespielt, keine Erzählung vorgetragen; es
wird verdreht. Poesie knüpft bei der Philosophie an, die
als spekulative besonders zu solchen Hypolepsen einlädt.
Auch hockt die Poesie häufig als Zwerg auf den Schultern
von Riesen, wo sie sich nicht immer gut aufführt. Sie nimmt
den Christopheros nicht ernst – nur selten wird sie von
einem Riesen ernst genommen. Aus solchen Verbindungen können
nur Figurationen entstehen, in welchen an mehr oder weniger
ernst zu nehmenden Behauptungen gedreht wird, bis alles abgedreht,
ganz und gar verdreht worden ist und bestenfalls etwas Falsches
dabei herauskommt.
*
Ulrich Sonnemann schreibt in „Negative Anthropologie“
vom „erkenntnismächtigen Ich“ (Schopenhauer),
dessen Vernunftquelle schließlich obskur bleibe –
und von der Introspektion, die Freud diesem Ich unterordnet.
„Umso unfolgerichtiger ist sie selbst“, behauptet
er, „denn die Selbstbeobachtung, die sie zu deutsch ist,
läuft auf scheiternde Erkenntnis, Verfehlung ihres Gegenstandes,
hinaus“. Poesie, wahrscheinlich in Erahnung dieser Zusammenhänge,
dreht weiter und behauptet: Introspektion verfehle nicht nur,
sondern ergebe nichts. Ich nehme mich nicht wahr in mir, sagt
der von mir vorgeführte Mensch. Solche Drehs sind riskant.
Dieser hat in der Folge den Gedanken, das Ich müsse also
erfunden werden und es sei zahlreich vorhanden in anderen Menschen.
So dreht Poesie sich zu einer großen Figuration.
*
Wenn die Poesie nahe legt, von einer Vielstimmigkeit
im Innenraum des Ichs zu reden, legt sie sich selbst fest: jede
Festlegung unter sich zu lassen: Das Eine kommt in ihr nicht
mehr vor, es wird von einer nicht zu begrenzenden Anzahl gesprochen,
die auch noch ausgewechselt wird, unaufhörlich: eine Stimme
holt die andere dazu. Der Autor wird Zuhörer, läßt
sich von den Stimmen in ihm verwirren. Die Folge: Der Leser
wird berufen. Er beteiligt sich an einem Colloquium, das immer
wieder eine neue Ordnung festlegen will, derart am Gedicht fortdichtend.
Wissenschaft wird poetisches Tun, als solches nicht nur fachliche,
auch überfachliche Regeln überspringend, Sprünge
in Unerhörtes wagend. Riskante Gelehrsamkeit also.
*
Vorgestellt muß hier werden, daß es
sich um ein unaufhörliches Ankommen und Abgehen handelt.
Anordnungen der Poesie bemühen sich um ein Durcheinander.
Zur Ruhe wird nicht geläutet. Widersprüche sind erwünscht.
*
In der Figuration der Poesie hat der Mensch eine
Erinnerung an sein Ich; er hat die Möglichkeit, dessen
Genealogie zu erinnern, d. h. er ahnt, wie er ein Ich immer
wieder zusammengesetzt hat. Hier erlaubt die Poesie selbstverständlich
– sie erwähnt es nicht eigens – Unterschiede
auszudenken: also von mehr oder weniger geöffneten Menschen
zu sprechen, gar von verschlossenen. Den Folgen kann man nachdenken.
Jedenfalls stellt sich die Poesie in unserer Figuration vor
allem und in der Hauptsache einen durchgehend geöffneten
Menschen vor, der sich immer wieder neu zusammensetzt, wenn
er befragt wird, und zwar nach dem neuesten Stand! Ihm wird
allerdings klar, welche Gefahren, welche Risiken er damit eingeht.
Ich erinnere daran: daß dieser durchgehend geöffnete
Mensch keine Türsteher an seine Eingänge stellt; er
muß jede Stimme selbst prüfen und zwar in seinem
Innenraum.
*
Ich spekuliere hier wild in der Figuration der
Poesie. Diese reißt mich mit. Augenblicklich dorthin:
wo nach Whitehead Spinoza von der causa sui, der Selbstverursachung,
spricht, die aber bei dem Harvardprofessor nicht nur für
Gott gilt, sondern für ihn und alle Einzelwesen, die unsere
Schöpfung ausmachen.
*
Spricht einer mit einem anderen, in dem er vorhanden
ist, so spricht ein von ihm erfundenes Ich, das vorgefunden
wurde in einem anderen Ich, in dem es also nicht erfunden werden
mußte. Es handelt sich also um ein Selbstgespräch,
das in einem anderen stattfindet, wobei man selbst quasi von
diesem anderen dargeboten, also von ihm entsprechend verfaßt
wird. Auch hier also, im Falle dieses Selbstgesprächs,
kommt wieder Multiples heraus. Es gibt auch hier viele unterschiedliche
Verfassungen, die jeweils von Wesen erarbeitet wurden, welche
sich selbst erfunden haben, weil sie selbst sich nicht in sich
selbst auffinden können. Alles das ist in fataler Kurzweil
der Fall.
*
Poesie wird in ihrer Interpretation der Solidarität
in der Gesellschaft zu einer vielstimmigen Veranstaltung. Dem
Eingang und Abgang in die Innenräume der Personen entspricht
die Vielfalt der Äußerungen in einem Gedicht.
*
Der Autor wird überstimmt. Es findet Auflösung
statt. Die Poesie, in deren Namen ich hier zu denken begann:
bringt uns wahrscheinlich um festen Grund und angenehme Dauer.
*
Leser, die Vorschriften für alle Situationen
wünschen, sind hier nicht mehr gefragt. Sie findet man
so wenig hier wie den Autor. Er muß sich auch neben seinem
Gedicht neu erfinden. Die Leser müßten das auch;
nicht vergnüglich, unterhaltsam schon gar nicht.
*
In dieser Poesie wird der Autor – deshalb
auch die Vielstimmigkeit – in jedem Gedicht alles sagen,
und zwar immer auf einmal. Sein Mund ist quasi voll mit Mündern.
Im Gedicht kann man nachlesen, wie die Stimmen einander in diesem
Willen, alles zu sagen und alles auf einmal: sich dreinreden,
sich überstimmen, sich nicht abstimmen, meistens einander
nicht ausreden lassen.
*
Eine Poesie, mit der ich es zu tun habe, baut
nach ihrem Gutdünken und gegen alle Maßgaben und
Bedenken – solchen besonders der Logik – wild spekulierend,
vor allem an ihren Grenzen, diese überspringend, um jenseits
einer behutsamen Welt sich in einer eigensinnigen Choreographie
mit Gedichten schlimm aufführen zu können. Derartige
Tanzschriften korrespondieren oft mit philosophischen Gedanken
oder mit theologischen Gängen, nicht oft im Gleichschritt
oder Spiegelsprung, wenn aber doch, verführen meist kühne
Thesen zu einer Begleitung. Poesie denkt sich etwas aus, nicht
selten, um geistige oder gar geistliche Institutionen zu diskreditieren
und in Dogmen zu hausen, bis sie unbewohnbar geworden sind.
Sie denkt, das sei ihre Berufung, davon ist sie nicht abzubringen.
Ich folge ihr nach.
*
Ich spreche nicht von einer Lyrik, die von Freude
und Schmerz des Lyrikers singt. Auch habe ich, wie schon erwähnt,
keinen Dramatiker vor Augen. In dieser Poesie, von welcher ich
rede: wird ausschließlich im Gedicht aufgetreten, wobei
auch benannt wird, es kann also zwischendurch Rollen geben,
dauernd aber wird umbesetzt, Dialoge werden von Debatten, von
Diskussionen, von Colloquien abgelöst. Es gibt auch Monologe,
der Autor aber besetzt seine Sprecher nicht mit sich selbst,
wie gesagt: er spricht unter anderen mit, vor allem aber hört
er zu. Er muß schreiben. Seine Meinung ist nicht gefragt.
*
Die Hauptfigur der Figuration, die von der Poesie
erfunden wurde, wird sich trösten müssen damit: als
eine erfundene Stimme aus anderen Stimmen unter anderen, als
eine nicht mehr nur von ihr erfundene, sondern von einem anderen
mehr oder weniger nahen Bekannten in dessen Innenwelt aufgenommen
worden zu sein, wobei die Anverwandlung durch diesen Menschen
nicht als Übergriff gewertet werden muß, da sie doch
von der Aufmerksamkeit dieses Menschen zeugt. Nicht auszudenken
sei – davon ist die Poesie überzeugt –, wie
weit dieser Mensch verbreitet ist als mehr oder weniger importante
Stimme, wo überall unter anderen in den verschiedenen Innenwelten
sie sich zu Wort meldet – und dies noch vor jedem in der
Außenwelt veranstalteten Auftritt und seine jeweiligen
Ansprechmengen bei weitem übertreffend. Hat die Poesie
mit ihrer Figuration auch aufmerksam machen wollen auf das Weiterleben
des Menschen? Zwar kann man einem Vernichter keine lange Nase
drehen wie in der „ Ich-bin-nicht-in-mir“-Figuration,
aber an ein Weiterleben kann gedacht werden, und zwar an ein
fruchtbares. Die Unmittelbarkeit, die dem Menschen nach Whitehead
im Tod abhanden kommt, geht durch die Unterbringung in anderen
nicht verloren. Soll man dem Ich diesen Ortswechsel verbieten?
Wer sagt – so argumentiert die Poesie –, das Ich
müsse immer in sich bleiben? Nur dort gebe es das Unmittelbare.
Sie gibt zu bedenken, daß man, wenn schon nicht dem Schöpfer,
so doch dem derart geschaffenen Menschen, der sich immer selbst
erfinden müsse wegen der peinlichen Fehlanzeige, diesen
Ortswechsel nicht verdenken darf.
*
Noch einmal: In mir selber, so erklärte ich
im Namen der Poesie, gibt es mich nicht. Demnach denke und schreibe
ich aus anderen Wesen heraus, wobei ich mir oft herausnehme,
den Ort, aus dem ich heraus denke und schreibe, ohne Namen zu
lassen: in diesem Fall will ich als Ich auftreten, mit meinen
eigenen Gedanken, was eine Eigenmächtigkeit bedeutet, da
ich nicht in mir bin, da ich ein Wesen besetze, das mich denkt.
*
Ulrich Sonnemann spricht von der scheiternden
Ich-Reflexion: „Scheitern muß diese, wo anders als
in produktiver Selbsterkenntnis, in der urteilend der Mensch
sich an dem mißt, was er als herausfordernden Anspruch
eines ihn meinenden Nicht-Selbst erfährt, das Selbst in
seinen Weltbezügen, sondern als Ich in seiner Isolierung
erfaßt wird, als Schatten eines introspektiven, selbst
schimärischen Dings. Noch im besten Fall ist dieses ein
immer schon vergangenes Faktisches.“ Poesie macht also
auch hier kurzen Prozeß. In ihrer Figuration kommt das
Ich überall als solches, freilich in Vielfalt vor, nur
nicht im Selbst, nur nicht in dem Menschen, der es zur Auseinandersetzung
mit der Welt, ja zum Leben in ihr braucht: weshalb er es erfinden
muß. Erfindung freilich nicht aus dem Nichts, sondern
aus den Ichs, die alle in ihm ihre Stimme erheben.
*
Der Erfinder seines Ichs hat es mit Veränderung
zu tun, und zwar ununterbrochen. Es gibt keine Pause. In der
Figuration der Poesie ist dieser Erfinder selbst durchgehend
geöffnet für alle Erfinder ihrer selbst, die er in
sich geholt hat, wie er ja selbst von vielen geholt wird, ununterbrochen,
die sich mit ihm erfinden, mit Whitehead könnte ich auch
sagen: erschaffen, kreieren. Das gilt bei diesem Philosophen
für den ganzen Kosmos. Ich denke hier mit der Poesie nur
über die Innenwelt eines Menschen nach, die sich andauernd
im Übergang befindet. Es wird unmöglich gemacht, im
Falschen oder im Richtigen zu bleiben. Es gibt kein Richtiges
im Falschen. Es gibt kein Sein im Werden. Plato sagt: „Immer
werdend, nie seiend“. Oder ein nicht so hohes Wort: Wer
sein will, wird sich nicht erfinden, also nicht gewesen sein.
*
Wie wir alle, behauptet die Poesie ihre Richtigkeit,
obwohl sie nach eigener Anschauung mit dem Falschen identisch
sein will, welches als schmerzendes Korrektiv wirkt, weshalb
sie sich auch in der Regel an das richtige Falsche hält,
das Friedrich Nietzsche mit Vorsokratikern eigensinnig vertritt,
insofern von ihm alles für falsch gehalten wird und derart
zur Ruhe kommt wie der Richtige eben in seiner Richtigkeit.
Ich schlage immer wieder vor – auch hier meiner Poesie
nachfolgend –, richtig und falsch nicht als Gegensatz
zu sehen. Ein richtiges Falsches wird ja wie etwas Richtiges
behauptet.
*
Es gibt nichts Richtiges im Falschen, so in etwa
lautet eine These Adornos, die sich in meiner „Lehre vom
Falschen“ zu einem anderen Sinn hin öffnet, nämlich:
Ist das so, dann ist das Falsche richtig; ich sprach schon vom
richtigen Falschen und erkläre es für ebenso richtig
wie das Richtige. Das Falsche gibt es aber nur ganz in der Nähe
des Richtigen, auch oder vor allem deshalb, weil es von dort
aus sehr schnell ins Richtige eindringen kann und es in seiner
Behauptung stört oder diese verhindert. Die Poesie wird
von meiner Wenigkeit dabei unterstützt, wenn sie in keiner
Position ausruht und in keiner Behauptung bedroht.
*
Nach Schelling wird der dunkle Grund, der selbst
nicht Gott sei, aus dem dieser aber komme, die „Natur
in Gott“ genannt. In ihr wurden und werden alle Menschen
ausgesetzt. Nur im Staat – seine Genealogie muß
hier entfallen – können Menschen als personale Einheiten
vorgestellt werden: hier müssen sie sich verantworten als
Personen. Werden sie ganz und gar als solche personalen Einheiten
gedacht, dann sind sie für ihre Taten voll verantwortlich:
sie können nicht nur vor den Mitbürgern, sondern auch
vor Gott schuldig werden. Religionen sehen das so. Gelten im
Staat ihre Dogmen, so gibt es Strafen nach dem Tod oder ewige
Verdammnis in der Hölle. Poesie denkt aus ihrer Quasi-Personalisierung
heraus zwar an zeitliche Strafen, jedoch an eine grundsätzliche
Unschuld der Übeltäter, die nach dem Urteil und während
der Strafe ihre menschliche Würde behalten müssen.
Das hat mit Strafmilderung nichts zu tun.
*
Poesie, wie ich sie sehe, nämlich deckungsgleich
mit dem von ihr immer neu definierten Falschen, dem Korrektiv
in einer Welt, die ihre Richtigkeit behauptet, richtet sich
in dieser Welt nur ein, um Schlimmes anzurichten. Im übrigen
richtet sie sich nicht nach Vorbildern oder gar nach Lesern.
Das Risiko der Poesie muß das Risiko der Wissenschaft
herausfordern, et vice versa, siehe Jena, Frühromantik.
*
Hier grüße ich mit besonderer Dankbarkeit
alle Teilnehmer des Colloquiums in Passignano, insbesondere
Michael Titzmann, der es die ersten fünf, und Sabine Kyora,
die es weitere sieben Jahre leitete. An dieser Stelle möchte
ich auch Inge Poppe danken, die schon lange Jahre für mich
Wissenschaft vermittelte, bevor sie das Colloquium ermöglichte
und organisierte.
*
Poesie setzt deutlich nicht auf den Einzelnen.
Sie erkennt keine Staatsgrenzen an, siehe die Streckennetze.
Hamann könnte hier zustimmen. Sie denkt allerdings in ihrer
Grenzenlosigkeit nicht gegen Staatsgrenzen an. Jeder Staat,
so wird sie das in einer Rede von mir erklären, werde gegen
die Natur Gottes, so wie Schelling erkannte, gegründet,
um sich dort als Mensch im schlimmsten Elend zurechtfinden zu
können, auch nicht als Vereinzelter, sondern als Mitbürger
unter vielen anderen. Hier wird sich nicht eingerichtet, um
alles Neue bequem versäumen zu können, ganz im Gegenteil,
nämlich um Möglichkeiten zu riskanten Unternehmungen
zu erhalten, wobei übrigens eine von Abenteurern verworfene
Repräsentation den notwendigen Schutz bieten muß
gegen außerstaatliche Mächte, wie etwa Gott –
ich spreche vom jüdisch-christlichen – oder Wirtschaft,
mithin Geld, daß bei einer Aufnahme dieses personalen
Systems (Whitehead), als welches ich ausgelagert wurde und mehr
oder weniger anderswo mich ausbreite oder besser, von mir dorthin
einbringe: ich dann quasi zurückerstattet bekomme, also
mich oder besser das meine, welches an das andere Ich und unter
Umständen auch an die eine oder andere Äußerung
der einen oder anderen Person gebunden war. Ist es nicht längst
klar geworden, daß wir immer nur unter anderen vorkommen,
nur in größeren Zusammenkünften, in Netzen,
die zusammen erkannt werden wollen. Das Ganze sagt zusammen
aus, was wir als Einzelne nur immer zum Ganzen sagen können,
in einem Streckennetz etwa, welcher Begriff andeutet, wie wenig
es auf eine Nachbarschaft der Lokalisationen ankommt, wie über
alle Welt wir, wenn wir bei uns unterkommen oder Unterkunft
geben, verstreut sind.
*
Schelling erklärt nach Walter Schulz, daß
Natur eigentlich ihrer Struktur nach Trieb, Sucht und Begierde
sei. Das heißt nicht, daß die Natur böse sei,
nur selbstischer Drang. Gerade diesen Drang bezeichnet der späte
Schelling als Willen. Naturkraft als solche sei das eigentlich
bestimmende Element des Willens. Die Gleichung von Wille und
Drang setzte sich im 19. Jahrhundert durch, siehe Schopenhauer,
welcher den Willen negativ ansieht, und Nietzsche, der den ziellos
in sich kreisenden und von keiner Vernunft mehr bestimmten Willen
bejaht: man sei ja lebendig nur durch ihn.
*
Aus der Sicht der Figurationen, der Poeme also,
die sowohl vom Menschen, der im Grund, in der „Natur in
Gott“ ausgesetzt wird, als auch vom Bürger, welcher
nur im Staat lebensfähig sein kann, bleiben Philosophen,
leider auch Whitehead, einseitig. Sie sprechen vom Menschen
als Bürger, ohne diese privilegierte Position eigens zu
erwähnen. Daraus ergibt sich eine irritierende Einseitigkeit
oder Vereinfachung – und eine so ausschlaggebende Bestimmung
wie die Verantwortung wird ohne Einschränkung aufgenommen.
Die Poesie dagegen unterscheidet: was dem Menschen die Schuldfähigkeit
abspricht, gemeint ist: die Unschuld des metaphysischen Einzelwesens,
die beinahe zwei Jahrtausende abgesprochen werden kann von Staaten,
die sich fremdbestimmt von Kirchen in ihren Verfassungen dem
jüdisch-christlichen Gott unterwerfen, nicht zuletzt deshalb,
weil Verfassung und Gesetze und entsprechende Sanktionen religiös
legitimiert werden, und die Urteile von oben her gefällt
werden können. Für die Poesie gibt es nur Urteile
im Staat, darüber hinaus bürgerliche Vergehen an der
Gemeinschaft. In Kürze: Demnach wird ein Schwerverbrecher
bestraft, ist jedoch vom Beginn seiner Aussperrung aus der Gesellschaft
an Mitbürger. Poesie behauptet, Mensch bliebe er immer
in der „Natur in Gott“. Das hat entscheidende Folgen
für die Behandlung des Straffälligen: Demütigungen
darf es nicht mehr geben.
*
Rückhaltloser als bei Schelling wird in der
Poesie schwarzgesehen: in der „Natur in Gott“ herrscht
das Chaos. Die Poesie, das behaupte ich hier noch einmal, rühmt
die politische Tat: eine gegen den Schöpfer, der uns in
seinem Grund aussetzt, in Solidarität der Bürger gegen
allmächtige Herren.
Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung Paul Wührs.
Die Rechte liegen beim Autor.
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