Paul Wühr: Dankrede

Ich rede von ›der Poesie‹ – allerdings nicht, ohne diese mich vorher erfinden zu lassen. Erst dann nämlich kann ich sie erfinden und sie die meine sein lassen. Von dir, sagt meine Poesie – von welcher ich von jetzt an aber nur noch selten ausdrücklich Besitz ergreifen will –, von dir weiß man wenig und dieses nicht mit Sicherheit. Sie läßt mich aber immer wieder einmal die Einheit meiner Person behaupten. In mir gibt es aber, wie die Poesie und ich vorführen werden, viele Schreiber, unter immer anderen Umständen. Es handelt sich, wie sich hier schon herausgestellt hat, um das Selbstgespräch eines Autors mit der Poesie.

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Foto: Inge Poppe-Wühr

Auf die Frage, ob sie sich sehe, blicke sie in sich hinein, antwortet eine Figur in einem meiner Poeme: Sie sehe nicht sich selber, aber viele andere Personen. Mit der Poesie, mit welcher hier eine Figuration entwickelt wird, wird gesagt, man befinde sich selbst auch in anderen Personen, sei also vorhanden, sogar mehrfach, nur eben weit verstreut. Das ist nicht auszudenken. Aus diesem poetischen Konzept ergibt sich aber die trotzige Klarheit: ein vernichtender Schlag könne den Menschen nicht treffen; er sei immer anderswo. Hier wurde also gegen den Tod figuriert. – Ich mußte nur dafür sorgen, daß eine konzeptimmanente Logik jenseits der Realität blieb.

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Figurationen, Poeme, oft buchlange Gedichte sind Abfolgen von immer neuen, immer schlimmer ausartenden Drehs, die mit einer ungesicherten Behauptung beginnen – wie hier, wenn gesagt wird: ich erkenne mich nicht in mir. Kein Drama wird abgespielt, keine Erzählung vorgetragen; es wird verdreht. Poesie knüpft bei der Philosophie an, die als spekulative besonders zu solchen Hypolepsen einlädt. Auch hockt die Poesie häufig als Zwerg auf den Schultern von Riesen, wo sie sich nicht immer gut aufführt. Sie nimmt den Christopheros nicht ernst – nur selten wird sie von einem Riesen ernst genommen. Aus solchen Verbindungen können nur Figurationen entstehen, in welchen an mehr oder weniger ernst zu nehmenden Behauptungen gedreht wird, bis alles abgedreht, ganz und gar verdreht worden ist und bestenfalls etwas Falsches dabei herauskommt.

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Ulrich Sonnemann schreibt in „Negative Anthropologie“ vom „erkenntnismächtigen Ich“ (Schopenhauer), dessen Vernunftquelle schließlich obskur bleibe – und von der Introspektion, die Freud diesem Ich unterordnet. „Umso unfolgerichtiger ist sie selbst“, behauptet er, „denn die Selbstbeobachtung, die sie zu deutsch ist, läuft auf scheiternde Erkenntnis, Verfehlung ihres Gegenstandes, hinaus“. Poesie, wahrscheinlich in Erahnung dieser Zusammenhänge, dreht weiter und behauptet: Introspektion verfehle nicht nur, sondern ergebe nichts. Ich nehme mich nicht wahr in mir, sagt der von mir vorgeführte Mensch. Solche Drehs sind riskant. Dieser hat in der Folge den Gedanken, das Ich müsse also erfunden werden und es sei zahlreich vorhanden in anderen Menschen. So dreht Poesie sich zu einer großen Figuration.

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Wenn die Poesie nahe legt, von einer Vielstimmigkeit im Innenraum des Ichs zu reden, legt sie sich selbst fest: jede Festlegung unter sich zu lassen: Das Eine kommt in ihr nicht mehr vor, es wird von einer nicht zu begrenzenden Anzahl gesprochen, die auch noch ausgewechselt wird, unaufhörlich: eine Stimme holt die andere dazu. Der Autor wird Zuhörer, läßt sich von den Stimmen in ihm verwirren. Die Folge: Der Leser wird berufen. Er beteiligt sich an einem Colloquium, das immer wieder eine neue Ordnung festlegen will, derart am Gedicht fortdichtend. Wissenschaft wird poetisches Tun, als solches nicht nur fachliche, auch überfachliche Regeln überspringend, Sprünge in Unerhörtes wagend. Riskante Gelehrsamkeit also.

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Vorgestellt muß hier werden, daß es sich um ein unaufhörliches Ankommen und Abgehen handelt. Anordnungen der Poesie bemühen sich um ein Durcheinander. Zur Ruhe wird nicht geläutet. Widersprüche sind erwünscht.

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In der Figuration der Poesie hat der Mensch eine Erinnerung an sein Ich; er hat die Möglichkeit, dessen Genealogie zu erinnern, d. h. er ahnt, wie er ein Ich immer wieder zusammengesetzt hat. Hier erlaubt die Poesie selbstverständlich – sie erwähnt es nicht eigens – Unterschiede auszudenken: also von mehr oder weniger geöffneten Menschen zu sprechen, gar von verschlossenen. Den Folgen kann man nachdenken. Jedenfalls stellt sich die Poesie in unserer Figuration vor allem und in der Hauptsache einen durchgehend geöffneten Menschen vor, der sich immer wieder neu zusammensetzt, wenn er befragt wird, und zwar nach dem neuesten Stand! Ihm wird allerdings klar, welche Gefahren, welche Risiken er damit eingeht. Ich erinnere daran: daß dieser durchgehend geöffnete Mensch keine Türsteher an seine Eingänge stellt; er muß jede Stimme selbst prüfen und zwar in seinem Innenraum.

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Ich spekuliere hier wild in der Figuration der Poesie. Diese reißt mich mit. Augenblicklich dorthin: wo nach Whitehead Spinoza von der causa sui, der Selbstverursachung, spricht, die aber bei dem Harvardprofessor nicht nur für Gott gilt, sondern für ihn und alle Einzelwesen, die unsere Schöpfung ausmachen.

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Spricht einer mit einem anderen, in dem er vorhanden ist, so spricht ein von ihm erfundenes Ich, das vorgefunden wurde in einem anderen Ich, in dem es also nicht erfunden werden mußte. Es handelt sich also um ein Selbstgespräch, das in einem anderen stattfindet, wobei man selbst quasi von diesem anderen dargeboten, also von ihm entsprechend verfaßt wird. Auch hier also, im Falle dieses Selbstgesprächs, kommt wieder Multiples heraus. Es gibt auch hier viele unterschiedliche Verfassungen, die jeweils von Wesen erarbeitet wurden, welche sich selbst erfunden haben, weil sie selbst sich nicht in sich selbst auffinden können. Alles das ist in fataler Kurzweil der Fall.

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Poesie wird in ihrer Interpretation der Solidarität in der Gesellschaft zu einer vielstimmigen Veranstaltung. Dem Eingang und Abgang in die Innenräume der Personen entspricht die Vielfalt der Äußerungen in einem Gedicht.

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Der Autor wird überstimmt. Es findet Auflösung statt. Die Poesie, in deren Namen ich hier zu denken begann: bringt uns wahrscheinlich um festen Grund und angenehme Dauer.

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Leser, die Vorschriften für alle Situationen wünschen, sind hier nicht mehr gefragt. Sie findet man so wenig hier wie den Autor. Er muß sich auch neben seinem Gedicht neu erfinden. Die Leser müßten das auch; nicht vergnüglich, unterhaltsam schon gar nicht.

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In dieser Poesie wird der Autor – deshalb auch die Vielstimmigkeit – in jedem Gedicht alles sagen, und zwar immer auf einmal. Sein Mund ist quasi voll mit Mündern. Im Gedicht kann man nachlesen, wie die Stimmen einander in diesem Willen, alles zu sagen und alles auf einmal: sich dreinreden, sich überstimmen, sich nicht abstimmen, meistens einander nicht ausreden lassen.

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Eine Poesie, mit der ich es zu tun habe, baut nach ihrem Gutdünken und gegen alle Maßgaben und Bedenken – solchen besonders der Logik – wild spekulierend, vor allem an ihren Grenzen, diese überspringend, um jenseits einer behutsamen Welt sich in einer eigensinnigen Choreographie mit Gedichten schlimm aufführen zu können. Derartige Tanzschriften korrespondieren oft mit philosophischen Gedanken oder mit theologischen Gängen, nicht oft im Gleichschritt oder Spiegelsprung, wenn aber doch, verführen meist kühne Thesen zu einer Begleitung. Poesie denkt sich etwas aus, nicht selten, um geistige oder gar geistliche Institutionen zu diskreditieren und in Dogmen zu hausen, bis sie unbewohnbar geworden sind. Sie denkt, das sei ihre Berufung, davon ist sie nicht abzubringen. Ich folge ihr nach.

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Ich spreche nicht von einer Lyrik, die von Freude und Schmerz des Lyrikers singt. Auch habe ich, wie schon erwähnt, keinen Dramatiker vor Augen. In dieser Poesie, von welcher ich rede: wird ausschließlich im Gedicht aufgetreten, wobei auch benannt wird, es kann also zwischendurch Rollen geben, dauernd aber wird umbesetzt, Dialoge werden von Debatten, von Diskussionen, von Colloquien abgelöst. Es gibt auch Monologe, der Autor aber besetzt seine Sprecher nicht mit sich selbst, wie gesagt: er spricht unter anderen mit, vor allem aber hört er zu. Er muß schreiben. Seine Meinung ist nicht gefragt.

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Die Hauptfigur der Figuration, die von der Poesie erfunden wurde, wird sich trösten müssen damit: als eine erfundene Stimme aus anderen Stimmen unter anderen, als eine nicht mehr nur von ihr erfundene, sondern von einem anderen mehr oder weniger nahen Bekannten in dessen Innenwelt aufgenommen worden zu sein, wobei die Anverwandlung durch diesen Menschen nicht als Übergriff gewertet werden muß, da sie doch von der Aufmerksamkeit dieses Menschen zeugt. Nicht auszudenken sei – davon ist die Poesie überzeugt –, wie weit dieser Mensch verbreitet ist als mehr oder weniger importante Stimme, wo überall unter anderen in den verschiedenen Innenwelten sie sich zu Wort meldet – und dies noch vor jedem in der Außenwelt veranstalteten Auftritt und seine jeweiligen Ansprechmengen bei weitem übertreffend. Hat die Poesie mit ihrer Figuration auch aufmerksam machen wollen auf das Weiterleben des Menschen? Zwar kann man einem Vernichter keine lange Nase drehen wie in der „ Ich-bin-nicht-in-mir“-Figuration, aber an ein Weiterleben kann gedacht werden, und zwar an ein fruchtbares. Die Unmittelbarkeit, die dem Menschen nach Whitehead im Tod abhanden kommt, geht durch die Unterbringung in anderen nicht verloren. Soll man dem Ich diesen Ortswechsel verbieten? Wer sagt – so argumentiert die Poesie –, das Ich müsse immer in sich bleiben? Nur dort gebe es das Unmittelbare. Sie gibt zu bedenken, daß man, wenn schon nicht dem Schöpfer, so doch dem derart geschaffenen Menschen, der sich immer selbst erfinden müsse wegen der peinlichen Fehlanzeige, diesen Ortswechsel nicht verdenken darf.

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Noch einmal: In mir selber, so erklärte ich im Namen der Poesie, gibt es mich nicht. Demnach denke und schreibe ich aus anderen Wesen heraus, wobei ich mir oft herausnehme, den Ort, aus dem ich heraus denke und schreibe, ohne Namen zu lassen: in diesem Fall will ich als Ich auftreten, mit meinen eigenen Gedanken, was eine Eigenmächtigkeit bedeutet, da ich nicht in mir bin, da ich ein Wesen besetze, das mich denkt.

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Ulrich Sonnemann spricht von der scheiternden Ich-Reflexion: „Scheitern muß diese, wo anders als in produktiver Selbsterkenntnis, in der urteilend der Mensch sich an dem mißt, was er als herausfordernden Anspruch eines ihn meinenden Nicht-Selbst erfährt, das Selbst in seinen Weltbezügen, sondern als Ich in seiner Isolierung erfaßt wird, als Schatten eines introspektiven, selbst schimärischen Dings. Noch im besten Fall ist dieses ein immer schon vergangenes Faktisches.“ Poesie macht also auch hier kurzen Prozeß. In ihrer Figuration kommt das Ich überall als solches, freilich in Vielfalt vor, nur nicht im Selbst, nur nicht in dem Menschen, der es zur Auseinandersetzung mit der Welt, ja zum Leben in ihr braucht: weshalb er es erfinden muß. Erfindung freilich nicht aus dem Nichts, sondern aus den Ichs, die alle in ihm ihre Stimme erheben.

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Der Erfinder seines Ichs hat es mit Veränderung zu tun, und zwar ununterbrochen. Es gibt keine Pause. In der Figuration der Poesie ist dieser Erfinder selbst durchgehend geöffnet für alle Erfinder ihrer selbst, die er in sich geholt hat, wie er ja selbst von vielen geholt wird, ununterbrochen, die sich mit ihm erfinden, mit Whitehead könnte ich auch sagen: erschaffen, kreieren. Das gilt bei diesem Philosophen für den ganzen Kosmos. Ich denke hier mit der Poesie nur über die Innenwelt eines Menschen nach, die sich andauernd im Übergang befindet. Es wird unmöglich gemacht, im Falschen oder im Richtigen zu bleiben. Es gibt kein Richtiges im Falschen. Es gibt kein Sein im Werden. Plato sagt: „Immer werdend, nie seiend“. Oder ein nicht so hohes Wort: Wer sein will, wird sich nicht erfinden, also nicht gewesen sein.

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Wie wir alle, behauptet die Poesie ihre Richtigkeit, obwohl sie nach eigener Anschauung mit dem Falschen identisch sein will, welches als schmerzendes Korrektiv wirkt, weshalb sie sich auch in der Regel an das richtige Falsche hält, das Friedrich Nietzsche mit Vorsokratikern eigensinnig vertritt, insofern von ihm alles für falsch gehalten wird und derart zur Ruhe kommt wie der Richtige eben in seiner Richtigkeit. Ich schlage immer wieder vor – auch hier meiner Poesie nachfolgend –, richtig und falsch nicht als Gegensatz zu sehen. Ein richtiges Falsches wird ja wie etwas Richtiges behauptet.

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Es gibt nichts Richtiges im Falschen, so in etwa lautet eine These Adornos, die sich in meiner „Lehre vom Falschen“ zu einem anderen Sinn hin öffnet, nämlich: Ist das so, dann ist das Falsche richtig; ich sprach schon vom richtigen Falschen und erkläre es für ebenso richtig wie das Richtige. Das Falsche gibt es aber nur ganz in der Nähe des Richtigen, auch oder vor allem deshalb, weil es von dort aus sehr schnell ins Richtige eindringen kann und es in seiner Behauptung stört oder diese verhindert. Die Poesie wird von meiner Wenigkeit dabei unterstützt, wenn sie in keiner Position ausruht und in keiner Behauptung bedroht.

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Nach Schelling wird der dunkle Grund, der selbst nicht Gott sei, aus dem dieser aber komme, die „Natur in Gott“ genannt. In ihr wurden und werden alle Menschen ausgesetzt. Nur im Staat – seine Genealogie muß hier entfallen – können Menschen als personale Einheiten vorgestellt werden: hier müssen sie sich verantworten als Personen. Werden sie ganz und gar als solche personalen Einheiten gedacht, dann sind sie für ihre Taten voll verantwortlich: sie können nicht nur vor den Mitbürgern, sondern auch vor Gott schuldig werden. Religionen sehen das so. Gelten im Staat ihre Dogmen, so gibt es Strafen nach dem Tod oder ewige Verdammnis in der Hölle. Poesie denkt aus ihrer Quasi-Personalisierung heraus zwar an zeitliche Strafen, jedoch an eine grundsätzliche Unschuld der Übeltäter, die nach dem Urteil und während der Strafe ihre menschliche Würde behalten müssen. Das hat mit Strafmilderung nichts zu tun.

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Poesie, wie ich sie sehe, nämlich deckungsgleich mit dem von ihr immer neu definierten Falschen, dem Korrektiv in einer Welt, die ihre Richtigkeit behauptet, richtet sich in dieser Welt nur ein, um Schlimmes anzurichten. Im übrigen richtet sie sich nicht nach Vorbildern oder gar nach Lesern. Das Risiko der Poesie muß das Risiko der Wissenschaft herausfordern, et vice versa, siehe Jena, Frühromantik.

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Hier grüße ich mit besonderer Dankbarkeit alle Teilnehmer des Colloquiums in Passignano, insbesondere Michael Titzmann, der es die ersten fünf, und Sabine Kyora, die es weitere sieben Jahre leitete. An dieser Stelle möchte ich auch Inge Poppe danken, die schon lange Jahre für mich Wissenschaft vermittelte, bevor sie das Colloquium ermöglichte und organisierte.

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Poesie setzt deutlich nicht auf den Einzelnen. Sie erkennt keine Staatsgrenzen an, siehe die Streckennetze. Hamann könnte hier zustimmen. Sie denkt allerdings in ihrer Grenzenlosigkeit nicht gegen Staatsgrenzen an. Jeder Staat, so wird sie das in einer Rede von mir erklären, werde gegen die Natur Gottes, so wie Schelling erkannte, gegründet, um sich dort als Mensch im schlimmsten Elend zurechtfinden zu können, auch nicht als Vereinzelter, sondern als Mitbürger unter vielen anderen. Hier wird sich nicht eingerichtet, um alles Neue bequem versäumen zu können, ganz im Gegenteil, nämlich um Möglichkeiten zu riskanten Unternehmungen zu erhalten, wobei übrigens eine von Abenteurern verworfene Repräsentation den notwendigen Schutz bieten muß gegen außerstaatliche Mächte, wie etwa Gott – ich spreche vom jüdisch-christlichen – oder Wirtschaft, mithin Geld, daß bei einer Aufnahme dieses personalen Systems (Whitehead), als welches ich ausgelagert wurde und mehr oder weniger anderswo mich ausbreite oder besser, von mir dorthin einbringe: ich dann quasi zurückerstattet bekomme, also mich oder besser das meine, welches an das andere Ich und unter Umständen auch an die eine oder andere Äußerung der einen oder anderen Person gebunden war. Ist es nicht längst klar geworden, daß wir immer nur unter anderen vorkommen, nur in größeren Zusammenkünften, in Netzen, die zusammen erkannt werden wollen. Das Ganze sagt zusammen aus, was wir als Einzelne nur immer zum Ganzen sagen können, in einem Streckennetz etwa, welcher Begriff andeutet, wie wenig es auf eine Nachbarschaft der Lokalisationen ankommt, wie über alle Welt wir, wenn wir bei uns unterkommen oder Unterkunft geben, verstreut sind.

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Schelling erklärt nach Walter Schulz, daß Natur eigentlich ihrer Struktur nach Trieb, Sucht und Begierde sei. Das heißt nicht, daß die Natur böse sei, nur selbstischer Drang. Gerade diesen Drang bezeichnet der späte Schelling als Willen. Naturkraft als solche sei das eigentlich bestimmende Element des Willens. Die Gleichung von Wille und Drang setzte sich im 19. Jahrhundert durch, siehe Schopenhauer, welcher den Willen negativ ansieht, und Nietzsche, der den ziellos in sich kreisenden und von keiner Vernunft mehr bestimmten Willen bejaht: man sei ja lebendig nur durch ihn.

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Aus der Sicht der Figurationen, der Poeme also, die sowohl vom Menschen, der im Grund, in der „Natur in Gott“ ausgesetzt wird, als auch vom Bürger, welcher nur im Staat lebensfähig sein kann, bleiben Philosophen, leider auch Whitehead, einseitig. Sie sprechen vom Menschen als Bürger, ohne diese privilegierte Position eigens zu erwähnen. Daraus ergibt sich eine irritierende Einseitigkeit oder Vereinfachung – und eine so ausschlaggebende Bestimmung wie die Verantwortung wird ohne Einschränkung aufgenommen. Die Poesie dagegen unterscheidet: was dem Menschen die Schuldfähigkeit abspricht, gemeint ist: die Unschuld des metaphysischen Einzelwesens, die beinahe zwei Jahrtausende abgesprochen werden kann von Staaten, die sich fremdbestimmt von Kirchen in ihren Verfassungen dem jüdisch-christlichen Gott unterwerfen, nicht zuletzt deshalb, weil Verfassung und Gesetze und entsprechende Sanktionen religiös legitimiert werden, und die Urteile von oben her gefällt werden können. Für die Poesie gibt es nur Urteile im Staat, darüber hinaus bürgerliche Vergehen an der Gemeinschaft. In Kürze: Demnach wird ein Schwerverbrecher bestraft, ist jedoch vom Beginn seiner Aussperrung aus der Gesellschaft an Mitbürger. Poesie behauptet, Mensch bliebe er immer in der „Natur in Gott“. Das hat entscheidende Folgen für die Behandlung des Straffälligen: Demütigungen darf es nicht mehr geben.

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Rückhaltloser als bei Schelling wird in der Poesie schwarzgesehen: in der „Natur in Gott“ herrscht das Chaos. Die Poesie, das behaupte ich hier noch einmal, rühmt die politische Tat: eine gegen den Schöpfer, der uns in seinem Grund aussetzt, in Solidarität der Bürger gegen allmächtige Herren.

Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung Paul Wührs. Die Rechte liegen beim Autor.

 

 
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